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Mit Liebe gestrickt

Mit Liebe gestrickt

Titel: Mit Liebe gestrickt
Autoren: Gil McNeil
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K APITEL EINS - Februar
    Zwei Hochzeiten und ein Jahr nach der Beerdigung

    Es ist Sonntagmorgen halb acht, und ich sitze in der Küche, stricke ein blassrosa Kaninchen und zerbreche mir den Kopf, was ich heute anziehen soll. Bei all diesen Sendungen, in denen Frauen mit schlaffen Haaren und sackartigen Hosen ein kleines Vermögen später mit neuem Haarschnitt und erstklassig aufeinander abgestimmter Garderobe wieder auftauchen, bekommt man nie Tipps, was man anziehen soll, wenn man ein Jahr nach der Beerdigung seines Ehemanns zum Friedhof fährt, um sein Grab zu besuchen. Schon gar nicht in Verbindung mit einem Lunch mit Künstlerin Elizabeth, der früheren Schwiegermutter, die todsicher etwas Elegantes erwartet, wahrscheinlich etwas in Richtung kleines Schwarzes, zur Not auch Dunkelblaues. Und da ich weder ein schwarzes noch ein dunkelblaues Kostüm besitze, stecke ich möglicherweise in der Klemme.
    Vielleicht wäre alles halb so schlimm, wenn ich gestern Nacht anständig geschlafen hätte, aber das Geräusch des Windes und der Wellen hat mich wach gehalten. Das ist einer der Nachteile vom Leben am Meer: Es ist wunderschön im Sommer, Strandhütten und massenhaft Tagesgäste, die in den Laden strömen, wenn es anfängt zu nieseln, aber langsam wird mir klar, dass der Winter
ziemlich hart sein kann. Ständig eiskalter Nebel und Wind, und wenn es hier stürmt, dann stürmt es richtig. Vielleicht hätte ich nicht ganz so viele Träume, in denen ich als Schiffbrüchige versuche, zwei kleine Jungs über Wasser zu halten, wenn das Haus weiter als zehn Minuten vom Strand entfernt läge.
    Gegen zwei bin ich endlich eingedöst und wurde prompt von Archie geweckt, der hereingetrottet kam, um mir mitzuteilen, dass er wieder seinen Weltraummonstertraum hatte. Noch etwas, was nicht ganz so toll ist, wie es laut Packungsbeschreibung klingt: Wie kriegt ein Fünfjähriger es hin, einerseits ein großer, schon zur Schule gehender Junge zu sein, der viel zu alt ist für langärmlige Unterhemden, aber andererseits noch unbedingt sein Nachtlicht und seine Schmusedecke zu brauchen, sobald man es geschafft hat, den kleinen Rabauken in seinen Pyjama zu stecken? Nicht, dass Archie je eine besondere Vorliebe für Schmusedecken hatte - anders als Jack, der sieben ist, aber immer noch sehr an seiner Fischdecke hängt, die ich ihm für sein neues Schlafzimmer am Meer gestrickt hatte -, aber seine Mutter weckt er immer noch gern mitten in der Nacht auf, um ihr von Monstern zu erzählen und über ein eventuelles Bonbon zu verhandeln.
    Ich schreibe eine neue Fassung meiner nie endenden Waszu-erledigen-ist-Liste, während der Regen in Strömen gegen das Küchenfenster prasselt. Bei gestreiften Pullis und kunstvoll drapierten Fischernetzen können wir uns möglicherweise nicht mit Whitstable messen, aber was strömenden Regen angeht ganz bestimmt. In der Hight Street gibt es jetzt eine Kunstgalerie, die durchaus das eine oder andere schicke Teil im Schaufenster ausstellt, wie zum Beispiel eine raffiniert beleuchtete große Holzschale, sodass wir auf diesem Gebiet langsam mithalten können. Außerdem gibt es hier Häuser, die sich normale Menschen leisten können, und einen morschen Pier und frisch gestrichene
Strandhütten, die nicht für mehr Geld versteigert werden, als die meisten Menschen für ihr erstes Haus bezahlt haben. Gran hatte ihre jahrelang vermietet, was mich daran erinnert, dass ich noch etwas auf meine Liste setzen muss: Ich muss ein neues Handtuch mitnehmen, wenn wir das nächste Mal zum Strand gehen. Gestern sind wir mit dem nervtötenden Wunderhund Trevor spazieren gegangen, und Archie ist mal wieder im Wasser gelandet.
    Ich koche gerade Tee, als Archie, dessen Haare in kleinen Büscheln abstehen, im Pyjama mit umgebundenem Bademantelgürtel nach unten kommt.
    »Es ist nicht sinnvoll, nur den Gürtel zu tragen, Schätzchen. Du wirst dich erkälten.«
    »Nein, werde ich nicht. Ich mag es so, es ist mein Seil, falls ich irgendwo raufklettern muss. Und ich esse keine Shreddies zum Frühstück - ich will Würstchen, nur Würstchen. Ich muss auch keine Shreddies essen, weil Wochenende ist. Und am Wochenende kannst du dir wünschen, was du willst, und kriegst es.«
    Wie nett; ich glaube, ich bestelle mir Eier Benedict und ein Glas Champagner. Oder vielleicht ein kleines Stück leckeren geräucherten Schellfisch.
    Ich genieße gerade mein Fantasiefrühstück in vollen Zügen, als Archie den Kühlschrank inspiziert und empört

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