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Mit Blindheit Geschlagen

Mit Blindheit Geschlagen

Titel: Mit Blindheit Geschlagen
Autoren: Christian Ditfurth
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1
    »Ziehnse die Vorhaut zurück.«
    Er zog die Vorhaut zurück. Der große, hagere Uniformierte betrachtete das Glied des Gefangenen. Dann musste der sich nach vorn beugen und die Gesäßbacken auseinander ziehen. Der Uniformierte beäugte den After des Gefangenen. Dann musste der sich mit dem Gesicht an die Wand stellen. Im Augenwinkel sah der Gefangene, wie ein anderer Uniformierter seine Kleidung durchwühlte. In einer Ecke des Raums stand ein Dritter, er war fett. Er beobachtete. Alle hatten sie Knüppel am Gürtel und auf der anderen Seite ein Pistolenhalfter. Der Hagere gab dem Gefangenen einen Stapel. Darin ein grauer Trainingsanzug, Unterwäsche, Handtücher, blauweißes Bettzeug, obenauf Becher, Teller und Hausschuhe. Er befahl dem Gefangenen, sich anzuziehen. Der Gefangene zog den Trainingsanzug an. Er war verschlissen, die Hose rutschte.
    Ein vierter Uniformierter betrat den Raum. Er sagte zum Gefangenen: »Gehnse!« Er zeigte die Richtung an. Sie stiegen Treppen hinauf und hinunter und kamen in einen Gang mit vielen Türen und ohne Fenster. Flecken auf dem Betonboden, an der Decke Neonleuchten, eine flimmerte. An manchen Stellen waren Linien auf dem Boden gezeichnet. Dort musste der Gefangene warten.
    »Gesicht zur Wand, Hände auf den Rücken!« Der Wächter schaute um die Ecke, dann drehte er an einem Schalter. Das grüne Licht an den Wänden ging aus, rote Lampen leuchteten auf. Sie liefen weiter. »Halt!« Er öffnete eine Tür, der Gefangene erschrak, als er in den Raum blickte. Er wurde hineingeschoben, die Tür fiel zu. Der Raum war klein, die Wände waren aus Beton, statt eines Fensters waren wenige Glasbausteine hochgemauert. Über der Tür brannte hinter einem in die Wand eingelassenen Glas eine Glühbirne. An einer Seite stand eine Holzpritsche mit erhöhtem Kopfteil, an einer anderen ein Klapptisch und ein Stuhl, in einer Ecke ein Porzellan-WC.
    Er setzte sich auf die Pritsche und starrte an die Wand. Eine braune Linie zog sich knapp in Bauchhöhe an der Wand entlang, zwei Finger breit. Darüber war die Wand ocker, darunter schmutzig weiß gestrichen. Der Gefangene stützte die Ellbogen auf die Knie und legte sein Gesicht in die Hände. Er merkte, dass er den Kopf schüttelte. Dann dachte er, das ist ein Irrtum. Sie wissen nichts. Du bist spazieren gegangen, sonst nichts. Wer kann etwas dagegen haben, dass einer spazieren geht? Sie müssen dich wieder rauslassen.
    Schritte auf dem Gang. Riegel klackten, Türgeknarre, alle Geräusche gedämpft durch die schwere graue Tür. Im Guckloch erschien eine Pupille, sie verschwand gleich wieder. Nasse Kälte kroch dem Gefangenen die Beine hoch.

2
    Er schimpfte vor sich hin. Obwohl er aufgepasst hatte, verfehlte er den Abzweig, überraschend war das Schild nach der Kreuzung aufgetaucht. Er kam sich vor wie ein Fremder, dabei hatte er mehr als die Hälfte seiner Schulzeit hier verbracht. Aber auf dem Waldfriedhof war er nie gewesen. Stachelmann bog rechts ab in eine Seitenstraße mit Einfamilienhäusern, fuhr zweimal rechts und war zurück auf der Straße nach Reinbek. Dort fuhr er links und erreichte gleich wieder die Kreuzung. Wieder zu weit, diesmal aus der anderen Richtung. Er hätte geradeaus fahren müssen, als er wieder an der Durchgangsstraße stand. Er schlug mit der Hand aufs Lenkrad und spürte den Schweiß unter den Achseln. Zuvor hatte er fast eine Stunde im Stau verbracht auf der Autobahn zwischen Reinfeld und Bad Oldesloe. Er kam zu spät zur Beerdigung seines Vaters.
    Auf dem Parkplatz neben dem Friedhof standen nur wenige Autos. Er stellte seinen alten Golf in die Nähe des Gittertors. Noch im Auto sah er die Kapelle, sie leuchtete weiß. Er ging durch das Tor, vorbei an einem Betonturm, in dem eine Glocke hing. Eisiger Wind ließ ihn frösteln. Der Eingang der Kapelle lag zwischen zwei grau lackierten Stahlsäulen, die das Spitzdach der Kapelle stützten. Stachelmann öffnete die Holztür und sah den Geistlichen auf der Kanzel. In den ersten drei Reihen saßen verstreut ein paar Leute, zwei oder drei schauten sich um nach ihm. Er las Unverständnis in den Blicken. Auf dem Stuhl am Gang in der ersten Reihe saß eine Frau, ganz in Schwarz. Das war seine Mutter. Sie war klein und dünn. Der Platz neben ihr war frei. Stachelmann hörte, dass der Pfarrer sprach, aber er verstand ihn nicht. Er setzte sich neben seine Mutter, die schaute irgendwo auf den Boden. Stachelmann schlug seine Beine übereinander und faltete seine Hände auf dem

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