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Mit 15 wachsen einem Flügel

Mit 15 wachsen einem Flügel

Titel: Mit 15 wachsen einem Flügel
Autoren: Tina Caspari
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Der neue Nachbar

    „Ich kann das Biest nicht mehr halten!“
    Der hilflose Verzweiflungsschrei kam aus einer rauhen Männerkehle. Es folgte ein donnerndes Krachen von splitterndem Holz und Glasscherben.
    Katja zuckte zusammen und sah beunruhigt von ihrem Matheheft auf. Schon seit einiger Zeit hatte sie die Unruhe vor dem Nachbarhaus gestört. Was war da los?
    „Ja, biste denn vom wilden Affen jebissen? Det Ding hat mich Tausende jekostet!“ schimpfte jetzt eine zweite Männerstimme. „Und ich Idiot mußte unbedingt das Geld für den Möbeltransport sparen!“ fügte der Mann plötzlich in Hochdeutsch hinzu.
    Katja wurde neugierig. Sie haßte es zwar, wenn ihre jüngeren Geschwister bei dem kleinsten Geräusch auf der Straße ans Fenster stürzten, aus Angst, etwas zu versäumen. Sie selbst gab sich dann betont uninteressiert. Schließlich war sie fast fünfzehn. Aber jetzt? Draußen war schließlich das Wort „Möbeltransport“ gefallen. Und das konnte nur bedeuten: sie bekamen endlich einen Nachbarn.
    Katja stand auf und reckte sich und schaute ganz unauffällig über die Schulter aus dem Fenster. Auf der Straße hockten zwei Männer — ungefähr in Papis Alter — und sammelten die Reste einer altmodischen Vitrine zusammen. Neben ihnen stand ein offener Lastwagen mit der Aufschrift „Bauer & Funke -Gartengestaltung - Landschaftsgärtnerei". Der Wagen war mit Möbeln beladen, die in Planen und Plastikhüllen gewickelt und mit Seilen auf dem Fahrzeug festgebunden waren.
    „Wie soll ick det bloß Muttchen beibringen, sie hängt so an dem Stück!“ jammerte der Größere von den beiden. Er trug eine Bürstenfrisur und einen Vollbart und kam Katja bekannt vor, obwohl sie sicher war, ihn noch nie gesehen zu haben.
    „N u reg dich doch nicht auf. Den reparier ich dir, daß er aussieht wie neu“, tröstete der andere.
    „Det is ja det Schlimme...“, unkte der Bärtige.
    „Was?“
    „Det a denn aussehen wird wie neu! Du hast doch keene Ahnung von Antiquitäten!“
    Katja kicherte.
    Unten erschienen Markus und Fips auf der Bildfläche. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn sie ein solches Ereignis nicht magisch angezogen hätte.
    „Das war ’n Klasse-Plumps!“ lobte Fips den Mann, dem das Mißgeschick passiert war.
    Markus betrachtete prüfend die übrige Ladung.
    „Schmeißt du das andere auch einfach runter?“ fragte er den Bärtigen, der sich jetzt ächzend aufrichtete und sich den Rücken rieb.
    „Wenn du versprichst, alles aufzufangen? Warum nicht?“
    Nun, wenigstens hatte der zukünftige Nachbar Humor. Den würde er im Umgang mit den Zwillingen Fips und Markus noch brauchen können.
    Auf der anderen Straßenseite hielt mit einer plötzlichen scharfen Bremsung ein kleiner roter Fiat. Auch er war beladen mit Körben, Kartons und Tüten. Aus seinem Inneren schälte sich eine weißhaarige ältere Dame mit blitzenden dunklen Augen und Löckchenfrisur. Ihr Blick fiel sofort auf die Reste der Vitrine.
    „Ach du lieber Himmel!“ Sie hatte eine kräftige Baßstimme. „Wie ist denn das passiert? Konntet ihr nicht warten, bis die Jungen hier sind? Das schöne Stück!“ Sie schaute mißbilligend von einem zum anderen. Die Männer senkten schuldbewußt die Köpfe.
    „Muttchen, das läßt sich alles wieder...“, begann der Bärtige.
    „Ach wat denn. Immer det gleiche. Zwee linke Hände...“, wehrte die alte Dame ärgerlich ab. Sie gehörte offensichtlich zur Familie.
    Katja sah, wie Markus und Fips eifrig gestikulierend ihre Spielkameraden aus der Nachbarschaft zusammentrommelten, damit auch sie etwas von dem einmaligen Schauspiel hätten. Der Platz vor dem Hause füllte sich schnell. Katja hielt es für besser, einzugreifen. Die Matheaufgabe würde sie auch später noch erledigen können.
    In der Küche stand Mami und schüttete Mehl in eine große Schüssel. Celia stand neben ihr und erzählte die üblichen Jammergeschichten: wer sie auf dem Schulhof alles geneckt, geschubst, gekniffen oder ihr sonst etwas angetan hatte. Sie erzählte jeden Tag das gleiche, obgleich sie genau wußte, daß Mami bei solchen Erzählungen plötzlich taub wurde und zu keiner teilnahmsvollen Reaktion zu bewegen war.
    „Wißt ihr schon das Neueste?“ rief Katja durch die Tür. „Drüben zieht endlich jemand ein!“
    „Hm...“machte Mami nur.
    Katja schaute ihr über die Schulter.
    „Was wird denn das?“
    „Selbstgebackenes Bauernbrot“, belehrte Celia die Schwester, „als Geschenk für die neuen

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