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Mississippi Delta – Blut in den Bayous (Detective Dave Robicheaux) (German Edition)

Mississippi Delta – Blut in den Bayous (Detective Dave Robicheaux) (German Edition)

Titel: Mississippi Delta – Blut in den Bayous (Detective Dave Robicheaux) (German Edition)
Autoren: James Lee Burke
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Kapitel 1
    Ich befand mich knapp außerhalb des Southwest Pass, zwischen den Pecan und Marsh Islands, im Süden das grüne Wasser des Golfstroms mit seinen Schaumkämmen und hinter mir der langgezogene, flache Küstenstreifen von Louisiana – eigentlich gar kein Küstenstreifen, sondern ein riesiges Schwemmland mit wogendem Riedgras, abgestorbenen, mit Louisianamoos überwucherten Zypressen und einem Labyrinth aus Kanälen und Bayous voller japanischer Teichrosen, deren lila Blüten morgens hörbar aufspringen und deren verschlungenes Wurzelwerk sich wie Drahtkabel um eine Schiffsschraube wickeln kann. Es war Mai, und die Brise war warm und roch nach salziger Gischt, Schwärme von Meerforellen schnappten nach Insekten, und hoch über mir glitten Pelikane auf warmen Luftströmungen dahin, die aufgespannten Flügel von der Sonne vergoldet, bis sich plötzlich einer wie eine Bombe vom Himmel fallen ließ, die Flügel flach angelegt, und auf der Wasseroberfläche aufschlug, um dann, einen zappelnden Heringsfisch oder eine Seebarbe im mit einem Kehlsack bewehrten Schnabel, triefend wieder aufzusteigen.
    Doch in der Morgendämmerung war der Himmel mit roten Streifen durchsetzt gewesen, und ich wußte, am Nachmittag würden von Süden Gewitterwolken aufziehen, die Temperatur würde schlagartig um zehn Grad fallen, als werde aus einer großen, schwarzen Schüssel plötzlich alle Luft abgesaugt, und der schwarze Himmel unter einem Geflecht von Blitzen erbeben.
    Ich hatte den Golf schon immer geliebt, ganz gleich, ob er von Stürmen gepeitscht oder die Brandung buchstäblich zu grünen Eisklumpen erstarrt war. Als ich noch bei der Kriminalpolizei in New Orleans war, hatte ich auf einem Hausboot am Lake Pontchartrain gewohnt und meine freien Tage beim Fischen unten im Lafourche Parish und in der Barataria Bay verbracht, und obwohl ich bei der Mordkommission war, konnte ich manchmal die Jungs vom Raubdezernat überreden, daß sie mich auf einem Kutter der Küstenwache mitnahmen, wenn sie draußen Jagd auf Rauschgiftschmuggler machten.
    Jetzt gehörte mir ein Laden für Fischköder samt Bootsverleih am Bayou südlich von New Iberia, und zweimal wöchentlich steuerten meine Frau Annie und ich unser umgebautes Wannenboot in Richtung Southwest Pass zum Krabbenfischen. Man nannte es »Wannenboot«, weil es vor Jahren von einer Ölfirma dazu entworfen worden war, die langen, dicken Gummikabel und seismischen Instrumente zu bergen, die bei der Erschließung von Ölvorkommen im Meer verwendet werden; es war lang, eng und flach, bestückt mit einem großen Chrysler-Motor, Doppelschraube und einem Ruderhaus, das bündig mit dem Heck abschloß. Annie und ich hatten es mit Eisbehältern, einem Köderkasten, Winden für die Netze, einer kleinen, ans Deck geschweißten Kombüse, Staukästen für Angelzeug und Tauchausrüstung und sogar mit einem großen Cinzano-Schirm aus Segeltuch ausgestattet, den ich über unserem Bridgetisch und den Klappstühlen aufspannen konnte.
    An einem Morgen wie diesem zogen wir das Schleppnetz gewöhnlich in einem großen Bogen durch den Pass, wobei der Bug durch das Gewicht des übervollen Netzes aus dem Wasser ragte, dann beluden wir die Eisbehälter mit rosa-blauen Krabben, legten die Angeln für den Katzenwels aus und bereiteten das Mittagessen in der Kombüse, während das Boot im lauen Wind sanft an der Ankerleine zog. An diesem Morgen hatte Annie einen Topf Krabben und Bluepoint-Austern gekocht und gab nun die geschälten Krabben in eine Schüssel, um sie dann in einer Pfanne mit ungeschältem Reis zu mischen, den wir von zu Hause mitgebracht hatten. Ich mußte lächeln, als ich ihr dabei zusah; sie war ein Mennonitenmädchen aus Kansas, mit goldenem Kraushaar, das sich im Luftzug am Nacken aufstellte, und elektrisierend blauen Augen. Sie trug ein ausgeblichenes Männerhemd aus Baumwollstoff, das über ihre weißen Shorts hing, und Leinenschuhe ohne Socken; sie hatte gelernt, Fische auszunehmen, Krabben zu schälen und ein Boot so sicher durch einen Sturm zu manövrieren, als wäre sie im Land der Bayous geboren, doch für mich würde sie immer mein Kansas-Mädchen bleiben, ein Wesen wie aus Schlüssel- und Sonnenblumen gemacht, ein Mädchen, das in Stöckelschuhen unsicher stakste und stets beeindruckt war von allen kulturellen Eigentümlichkeiten und dem, was sie bei anderen Menschen »Verschrobenheit« nannte, obwohl sie selbst von pazifistischen Weizenfarmern abstammte, die so abgehoben exzentrisch

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