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Miss Seeton riskiert alles

Miss Seeton riskiert alles

Titel: Miss Seeton riskiert alles
Autoren: Heron Carvic
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1
     
    Sie war zurückgekommen und saß wieder auf einem Hocker am Ende der Bar.
    Der jüngere Barmixer füllte ein Glas, stellte es vor sie hin und beugte sich vor, um ihre Zigarette anzuzünden. Das Mädchen nahm sich Zeit, zu inhalieren und eine Rauchwolke auszustoßen; die ruhigen Bewegungen ihrer Hände verrieten Entspannung und Beherrschung.
    Ein Mann, der bei ihrem vorherigen Erscheinen angefangen hatte, sie zu fixieren, rekelte sich jetzt, das Glas in der Hand, lässig herum und zeigte ihr angelegentlich den Rücken.
    Ein anderer Mann, in den Dreißigern, näherte sich, sprach mit dem Barmixer, lehnte sich dann an die Theke und faßte sie ins Auge; aber innerhalb einer Minute hatte auch er sich umgewendet, sich auf einen Hocker geschwungen und ignorierte sie.
    Warum? überlegte der junge Mann, der sie von einem etwas entfernt stehenden Eßtisch aus beobachtete. War sie ein Lockvogel des Spielkasinos? Seine Erfahrung sprach für die Wahrscheinlichkeit, aber sein Gefühl rebellierte. Wenn sie es tatsächlich war, dann mußte sie ihren Auftritt für jemand besonderen reserviert haben. Man sollte annehmen, daß ein Mädchen von ihrem Aussehen in einer Bar Freiwild war, aber nach der Art und Weise, wie sie diese beiden Typen losgeworden war – obwohl er von seinem Platz aus nicht hatte erkennen können, wie sie es getan hatte –, sah es so aus, als ob sie überhaupt nicht mitspielte, und beide Männer waren augenscheinlich dabei, ihr gekränktes Ego mit Alkohol zu besänftigen. Er hatte Frauen in Hosenanzügen niemals wirklich leiden mögen, aber dieses schwarze Ding mit Gold und einem gelegentlichen Klecks Rosen darin stand ihr und paßte irgendwie hierher.
    Er studierte ihre ausdrucksvollen Hände, während sie mit dem Barmixer sprach: den rechten Ellbogen auf der Theke, den Zeigefinger gestreckt, während die anderen Finger und der Daumen gekrümmt sich in entgegengesetzter Richtung hin und her bewegten. Unter dem Schutz des Tischtuches probierte er die Bewegung aus. Ohne Erfolg. Verlegen legte er schnell seine Hand auf den Tisch, als der Kellner kam, um die Gläser nachzufüllen.
    »Sekt für die Dame. Und für Sie, Sir«, sein Tonfall war fast spöttisch, »Ingwerbier. Sie wollen selbst Gin zugießen?«
    Er nickte. Der Kellner zog sich zurück, und der junge Mann tauschte verstohlen das Glas mit dem der älteren Frau, die seine Begleiterin war, nahm die Ginflasche vom Tisch, goß etwas davon in den Sekt und unterdrückte eine Grimasse, als er einen Schluck der Mischung kostete. Er konzentrierte sich wieder auf das Mädchen.
    Ihre Hände waren noch beschäftigt. Die Zigarette wurde ausgedrückt, bis zu einem Viertel geraucht, eine neue aus einem silbernen Zigarettenetui – oder war es aus Platin? – gezogen, wurde vom Barmixer angezündet, ihr Glas wurde erhoben, daran genippt, wieder hingestellt; und während der ganzen Unterhaltung mit dem Barmixer waren ihre Hände in Bewegung. Man sagt, die Engländer gebrauchen ihre Hände beim Reden nicht. Stimmte nicht, eine ganze Menge tat es; aber er hatte niemals jemanden gesehen, der sie wie dieses Mädchen im beständigen Fluß hielt, langsam, graziös, unbewußt – verdammt, vielleicht war es gar nicht so unbewußt!
    Der Kellner kam zurück, um das Geschirr abzutragen. Er beäugte die nur zur Hälfte gegessene Seezunge Walewska.
    »Sind Sie fertig, Sir?«
    Der junge Mann fuhr zusammen. »Was? Ja – und halten Sie den nächsten Gang etwas zurück, während wir es noch einmal beim Roulette versuchen.«
    »Sehr wohl, Sir!«
    Dem jungen Mann wurde bewußt, daß er seine Begleiterin vernachlässigt hatte; er sprang auf, nahm ihre Handtasche und zog ihr den Stuhl zurück.
    Achselzuckend beobachtete der Kellner ihren Aufbruch zu den Spieltischen. Was für Leute! Der nächste Gang war fertig. Naja, er konnte warten und schmoren, bis sie genügend Kies verloren hatten, um sich wieder fürs Essen zu interessieren. Obwohl er gehört hatte, daß die alte Schachtel große Beute gemacht hatte, als sie das letzte Mal setzte. Er sah neidisch auf die Ginflasche auf dem Tisch, warf einen Blick auf den Eisbehälter, in dem das Ingwerbier sich an den Sekt drückte, als hätte die Flasche Junge bekommen. Wieder zuckte er mit den Achseln. Was für Leute! Und dieses Bürschchen sollte lieber aufpassen, oder er würde Unannehmlichkeiten bekommen – sitzt einfach da, drückt an seinem Essen herum und hängt mit den Augen an der Person an der Bar, ohne die Alte zu hofieren, mit der

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