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Miss Pettigrews grosser Tag

Titel: Miss Pettigrews grosser Tag
Autoren: Winifred Watson
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ERSTES KAPITEL
    9:15 – 11:11
     
     
    A uf den Glockenschlag um Viertel nach neun betrat Miss Pettigrew die Räumlichkeiten der Londoner Arbeitsvermittlung – wie üblich mit wenig Hoffnung im Herzen, doch an diesem Tag begrüßte die Leiterin sie mit einem muntereren Lächeln als gewöhnlich.
    »Ah, Miss Pettigrew. Ich glaube, heute haben wir etwas für Sie. Gestern nach Feierabend sind noch zwei Anfragen hereingekommen. Wollen wir doch mal sehen. Ah ja! Mrs. Hilary, Hausangestellte. Miss LaFosse, Kindermädchen plus Gouvernante. Hm! Das hätte man eigentlich andersherum erwartet. Aber nun ja! Vermutlich hat Letztere eine verwaiste Nichte adoptiert oder dergleichen.«
    Sie setzte Miss Pettigrew über die Einzelheiten in Kenntnis.
    »Da haben wir sie ja. Miss LaFosse, 5 Onslow Mansions. Der Termin ist gleich heute um Punkt zehn. Das schaffen Sie mit Leichtigkeit.«
    »Oh, ich danke Ihnen«, hauchte Miss Pettigrew, vor Erleichterung einer Ohnmacht nahe. Sie hielt die Karte mit den näheren Angaben fest umklammert. »Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Gibt ja heutzutage nicht mehr viele Posten für jemanden wie mich.«
    »Nicht allzu viele«, stimmte Miss Holt zu – und fügte im Stillen an, als die Tür sich hinter Miss Pettigrew schloss:
»Gebe Gott, dass ich die hier zum letzten Mal gesehen habe.«
    Draußen auf dem Gehsteig fröstelte Miss Pettigrew unwillkürlich. Es war ein kalter, nieselig-grauer Novembertag. Ihr fünf Jahre alter, missfarbener brauner Mantel spendete wenig Wärme. Rings um sie toste der Großstadtverkehr, Fußgänger hasteten vorbei, alle bestrebt, dem niederdrückenden Grau so rasch als möglich zu entfliehen. Miss Pettigrew mischte sich unter die Menge. Sie war eine Dame mittleren Alters, von kantiger Statur und durchschnittlicher Größe, mangels ordentlicher Ernährung dünn wie eine Bohnenstange und mit einer guten Portion Verzagtheit und Furchtsamkeit im Blick – sofern jemand sich die Mühe gemacht hätte, genau hinzusehen. Doch es gab auf der ganzen Welt weder Freunde noch Verwandte, denen bekannt oder wichtig gewesen wäre, ob Miss Pettigrew unter den Lebenden oder unter den Toten weilte.
    Sie ging zur nächstgelegenen Bushaltestelle. Noch weniger als die Fahrkarte konnte sie es sich leisten, zu spät zu kommen und sich damit um die Chance einer Stellung zu bringen. Der Bus setzte sie fünf Gehminuten von Onslow Mansions entfernt ab, und um genau sieben Minuten vor zehn stand sie vor ihrem Ziel.
    Es handelte sich um ein exklusives, luxuriöses, einschüchternd imposantes Wohnhaus. Miss Pettigrew war sich ihrer schäbigen Kleidung und ihres gesellschaftlichen Abstiegs ebenso bewusst wie der Tatsache, dass die Wochen, in denen sie sich schon im Armenhaus gesehen hatte, ihr allen Mut geraubt hatten. Sie blieb einen Augenblick stehen und sprach ein stilles Gebet: »O Herr! Sollte ich in der Vergangenheit je an Deiner Güte gezweifelt haben, so vergib mir und steh mir nun bei.« Als Nachtrag fügte sie das erste offene Selbsteingeständnis ihrer Lage
hinzu: »Es ist meine letzte Chance. Das weißt Du. Das weiß ich.«
    Sie ging hinein. Ein Portier beäugte sie fragend. Sie traute sich nicht, die Glocke für den Lift zu betätigen, stieg stattdessen über die Haupttreppe hinauf und hielt Ausschau, bis sie Nr. 5 entdeckte. Ein kleines Türschild trug den Namen Miss LaFosse. Miss Pettigrew sah auf ihre Uhr, ein Erbstück von ihrer Mutter, und klingelte, als die Zeiger exakt auf zehn standen.
    Nichts geschah. Sie klingelte erneut. Wartete und klingelte ein drittes Mal. Für gewöhnlich war sie beileibe nicht so hartnäckig, doch die Angst verlieh ihr den Mut der Verzweiflung. Sie klingelte wieder und wieder, volle fünf Minuten lang. Plötzlich flog die Tür auf, und eine junge Frau erschien im Eingang.
    Miss Pettigrew schnappte nach Luft. Das Geschöpf, das da vor ihr stand, war so bildhübsch, wie man es sonst nur von Leinwandschönheiten kannte. Goldblonde Locken fielen ihr wirr ins Gesicht. In ihren enzianblauen Augen nistete noch der Schlaf. Die frischen Wangen waren rosig überhaucht. Sie trug keinen simplen Morgenmantel, sondern ein fließendes Gewand von der Sorte, die man berühmte Stars bei Verführungsszenen in Filmen tragen sah. Mit den Bekleidungs- und Benimmregeln für junge Frauen auf der Leinwand kannte Miss Pettigrew sich bestens aus.
    Die einzige hemmungslose Ausschweifung in ihrem tristen Dasein war der allwöchentliche Kinobesuch, bei dem sie zwei Stunden

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