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Midkemia Saga 06 - Des Königs Freibeuter

Midkemia Saga 06 - Des Königs Freibeuter

Titel: Midkemia Saga 06 - Des Königs Freibeuter
Autoren: Raymond Feist
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Prolog – Besuch
    Ghuda reckte sich.
    Durch die Tür hörte man die Stimme einer Frau: »Los, hau hier ab!«
    Der frühere Söldner lehnte sich auf der Veranda seines Wirtshauses im Stuhl zurück und legte die Füße auf das Geländer.
    Hinter ihm ging die gleiche Leier los wie jeden Abend. Während reiche Reisende in den großen Herbergen der Stadt oder palastartigen Gasthäusern entlang des silbrigglänzenden Strandes abstiegen, wurde das Gasthaus zum Verbeulten Helm, das Ghuda gehörte, von rauheren Gästen besucht: Bauern, die ihre Ernte in die Stadt brachten, Fuhrleute, Söldner und Soldaten vom Lande.
    »Muß ich erst die Stadtwache holen!« rief die Frau in der Schankstube.
    Ghuda war ein großer Mann, und im Gasthaus gab es genug Arbeit. Der Söldner hatte somit kein Fett angesetzt, und auch seine Waffen hatte er in Schuß gehalten; zu oft war er schon gezwungen gewesen, den einen oder anderen Gast unsanft hinauszuwerfen.
    Der frühe Abend, kurz vorm Essen, war ihm die liebste Zeit des Tages. Er saß in seinem Stuhl und sah zu, wie die Sonne über der Bucht von Elarial unterging, wie sich das helle Licht des Tages in ein sanftes Rot verwandelte und die weißen Gebäude mit einer samtenen Patina aus Orange- und Goldtönen überzog. Das war eine der wenigen Freuden, die er sich in seinem sonst harten Leben hatte bewahren können. Ein lautes Krachen ertönte im Innern des Hauses, und Ghuda widerstand dem Drang, den Ursprung des Geräusches näher zu untersuchen. Seine Frau würde es ihn schon wissen lassen, wenn er einschreiten sollte.
    »Los, raus hier! Macht eure Händel draußen ab!«
    Ghuda zog einen Dolch, einen von zweien, die er gewöhnlich im Gürtel trug, und begann, ihn abwesend zu polieren. Aus der Schankstube hallte das Klirren von zerbrochenem Steingut nach draußen. Kurz darauf folgte das Kreischen eines Mädchens, dann hörte man den Lärm eines Faustkampfes.
    Ghuda polierte seinen Dolch, während er weiterhin den Sonnenuntergang betrachtete. Seine fast sechzig Jahre hatten auf der ledernen Haut seines Gesichts tiefe Furchen eingegraben – man konnte die Arbeit als Karawanenwächter ablesen, die vielen Kämpfe, das häufig schlechte Wetter, das miserable Essen und den schlechten Wein – und gekrönt wurde es von der gebrochenen Nase. Die meisten Haare waren ausgefallen, nur ein Kranz, der knapp über den Ohren ansetzte, war ihm geblieben; diese Haare ließ er sich jedoch bis auf die Schultern wachsen. Auch wenn er nie ein wirklich stattlicher Mann gewesen war, die Leute mochten seine ruhige, offene Geradheit und vertrauten ihm.
    Er ließ den Blick über die Bucht wandern, wo das silberne und rosafarbene Licht auf dem smaragdgrünen Wasser funkelte und Seevögel kreischten und nach ihrer Mahlzeit tauchten. Die Hitze des Tages war vorüber, und in der Bucht wehte eine sanfte, kühle Brise, mit der der salzige Geruch des Meeres herangetragen wurde, und einen Moment lang fragte er sich, ob das Leben für einen von seiner Herkunft überhaupt schöner sein konnte. Dann blinzelte er in die Sonne, die gerade den Horizont berührte; von Westen her kam eine Gestalt zielstrebig auf das kleine Gasthaus zu.
    Zunächst war sie nicht viel mehr als ein schwarzer Punkt im grellen Licht der untergehenden Sonne, doch schließlich konnte man Einzelheiten erkennen. Irgend etwas an dieser Gestalt erzeugte einen Juckreiz an Ghudas Hinterkopf, und er ließ den Fremden nicht aus den Augen, bis er deutlich zu erkennen war. Es war ein schlanker, o-beiniger Mann, der eine staubige und zerschlissene blaue Robe trug, die über einer Schulter hing. Es war ein Isalani, ein Mann aus einem der Völker im Süden des Kaiserreichs von Groß-Kesh. Über der einen Schulter trug er einen alten schwarzen Rucksack, und ein langer Stab diente ihm als Wanderstock.
    Als der Mann nahe genug heran war, daß Ghuda seine Gesichtszüge deutlich erkennen konnte, sandte der frühere Söldner ein Stoßgebet zum Himmel: »Götter, nicht er.«

    Während Ghuda aufstand, hörte man aus dem Innern des Gasthauses einen jammernden Wutschrei.
    Der Mann erreichte die Veranda und setzte seinen Rucksack ab.
    Ein Ring von Flaum säumte den ansonsten kahlen Schädel; und auf dem Geiergesicht stand ein feierlicher Ausdruck, der sich jedoch sofort in ein Lächeln verwandelte, als der Mann Ghuda ansah. Die schwarzen Augen zusammengekniffen, grinste er Ghuda an. Er öffnete den staubigen alten Rucksack und fragte mit vertrauter, knarrender Stimme: »Willst du

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