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Meridian - Flüsternde Seelen

Meridian - Flüsternde Seelen

Titel: Meridian - Flüsternde Seelen
Autoren: Amber Kizer
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hast du ganz richtig gemacht. Wunderbar. Du bist ganz toll, Bodie, und ich danke dir. Ich glaube, später habe ich vielleicht Kekse für dich.« Ich hatte den Geschmack von Spritzgebäck auf der Zunge und wusste, dass ich keine Ruhe finden würde, bevor ich welches machte. Hoffentlich war die Heimleiterin heute Abend nicht zu Hause.
    Seine gerunzelte Stirn glättete sich, und er strahlte so, dass die Vierzig-Watt-Birnen im Flur plötzlich heller zu leuchten schienen.
    Als ich ihm das Haar aus dem Gesicht strich, stellte ich fest, dass es geschnitten werden musste. »Jetzt geh spielen und lass mich nach ihr schauen, einverstanden?«
    »Ich muss die Klos putzen.« Seine Miene verdüsterte sich, und er streckte die Zunge raus. »Zur Strafe.«
    Ich seufzte. Die Leiterin war gerade dabei, Bodie zu einer Hornhaut zu verhelfen. Obwohl die Toiletten nach jahrelanger Benutzung schmuddelig waren, hinderte sie das nicht daran, ihm weiszumachen, dass sie mit genug Mühe und Anstrengung blitzblank geschrubbt werden konnten. Bodie war erst seit sechs Monaten hier und sträubte sich mit Leibeskräften gegen seine seelische Vernichtung.
    Ich erinnerte mich, wie ich mich in seinem Alter gegen ihre Strafen gewehrt hatte. »Ich versuche dir später zu helfen, okay? Oder vielleicht hat Nicole ja Zeit.« Ich befürchtete, die Abschürfungen, die er sich beim gestrigen Knien auf den verschütteten Frühstücksflocken zugezogen hatte, könnten ihm Schmerzen bereiten.
    Auch wenn ich mein Bestes tat, um sie alle, Alt und Jung, zu beschützen, konnte ich nicht überall gleichzeitig sein. Sosehr ich mich auch abmühte, es war nie genug. Er schüttelte den Kopf, damit ich mir keine Sorgen machte.
    »Mini braucht dich.« Er warf mir einen nüchternen Blick zu und lief los.
    Ich öffnete die Tür. Mini wandte mir rasch die goldenen Augen zu. Ihr Schwanz peitschte die Laken. Beinahe konnte ich die Luft rings um ihren Kopf tanzen und an den Vorhängen ziehen sehen. Doch das war nur der Schlafmangel, der meine Phantasie beflügelte. Offenbar war sie aufgebracht, weil es so lange gedauert hatte. Vielleicht waren es zehn Minuten gewesen. Ich wusste, ich hätte mir eine Standpauke eingefangen, wenn sie hätte reden können. Doch ich hatte gelernt, ihre Körpersprache zu deuten, so dass sie, anders als am Anfang, nicht mehr Zähne und Krallen einsetzte. Sie war zwar launisch und anspruchsvoll, aber vermutlich die beste Freundin, die ich je gehabt hatte.
    »Entschuldige.« Ich strich ihr rasch über den Kopf und kraulte sie hinter den Ohren. Ihr Fell fühlte sich an wie der zarte Flaum einer Pusteblume, doch ihr Körper unter dem flauschigen Haar war kräftig und muskulös.
    »Hallo, Mrs. Mahoney, ich bin es, Juliet. Und Mini.« Sanft nahm ich Mrs. Mahoneys Hand. Ihr Atem ging stockend, ihre Handfläche und ihr Unterarm waren eiskalt. Ihre Lippen liefen blau an, und ihr Kiefer erschlaffte. Jeden Moment würde es so weit sein.
    Ich setzte mich neben sie auf die Matratze, denn ich wusste aus Erfahrung, dass ich sie aus diesem Zustand nicht mehr zurückholen konnte, und hoffte, dass meine Anwesenheit ihr Trost spenden würde. Vielleicht.
    Sie schnappte angestrengt nach Luft. Die Pausen zwischen den Atemzügen wurden länger. Mit der freien Hand strich ich ihr die dünnen weißen Locken aus der Stirn.
    Mini schmiegte sich an meine Brust und meinen Bauch, machte sich auf meinem Schoß breit und stützte die Vorderpfoten auf Mrs. Mahoneys Herzgegend. Die ersten Male hatte ich sie erst sanft, dann mit mehr Nachdruck auf den Boden gesetzt. Doch da sie jedes Mal wieder aufs Bett sprang und dieselbe Haltung einnahm, hatte ich es irgendwann aufgegeben. Nie beschwerte sich jemand. Wie konnte eine Totenwache etwas anderes als gut sein?
    »Alles in Ordnung, Mrs. Mahoney, Sie können loslassen. Ihre Familie erwartet Sie sicher schon.« Als kleines Mädchen, bevor ich hierhergekommen war, hatte ich mir den Tod wie einen Lichtschalter vorgestellt. Oder als ob jemand mitten im Lied auf die Stopptaste drückte. Völlig falsch. Ich hatte, so wie Bodie es nun ebenfalls tat, rasch gelernt, dass Sterben Schwerstarbeit war. Außerdem wiesen die Sterbenden ähnliche Merkmale auf, das war die zweite Lektion, die ich den anderen Insassen weitergab. Den Neulingen, den ungewollten Kindern, die wie ich dazu verurteilt worden waren, bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag hier auszuharren. Es war wichtig, dass sie es sahen und erahnten, weil es so weniger beängstigend wurde, ständig

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