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Meridian - Flüsternde Seelen

Meridian - Flüsternde Seelen

Titel: Meridian - Flüsternde Seelen
Autoren: Amber Kizer
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    Prolog
    D as Dunklebarger-Sanatorium war keine Reha-Klinik im modernen Sinne, sondern eine alte, zugige Villa, die im Laufe der Generationen als Privathaus, Beerdigungsinstitut und Kurklinik gedient hatte und schließlich ein Altenheim von der Sorte geworden war, in das man lästig gewordene Senioren zum Sterben abschob. Die dort eingelieferten »Gäste« wiesen alle dasselbe Profil auf: betagt, keine lebenden Angehörigen, nur noch Freunde, die sie im Jenseits erwarteten, und schwere, lebensbedrohliche Krankheiten.
    Der durch ihre Sanduhren rieselnde Sand hatte bereits einen beachtlichen Haufen gebildet. Nun rutschten die letzten Körnchen in ruckartigen Intervallen durch. Die Krankenversicherung für Rentner übernahm die Rechnungen, in denen zeitgemäße Pflegemaßnahmen, hochwertige Medikamente und zahlreiche Therapien aufgelistet wurden – und das noch Wochen, nachdem der Körper die Seele längst in die Freiheit entlassen hatte. Ein Wunder oder ein Märchen? Jedenfalls eindeutig Betrug.
    Im Dunklebarger wurde streng nach Leben und Überleben unterschieden. Außerdem reisten die Gäste niemals lebendig ab, denn es handelte sich um eine letzte Zufluchtsstätte für Patienten, die entweder mit Bedacht oder mit verbissener Entschlossenheit ihren Heimaufenthalt zu lange hinausgeschoben hatten. Waren hier Gleichgültigkeit und Geldgier am Werk? Oder steckte womöglich etwas völlig anderes dahinter? Vielleicht diente der Tod der alten Menschen einem bestimmten Zweck, der, anders, als man auf den ersten Blick vermuten mochte, über das Finanzielle hinausging. Es war nicht auszuschließen, dass Heimleiterin und Senioren durch das Wirken einer höheren Macht zu Opfern einer Düsternis geworden waren, die alles Licht verschluckte.
    Um den Spekulationen weitere Nahrung zu geben, darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich das Heim auch Bedürftiger annahm, deren Lebenslauf soeben erst begonnen hatte: Kinder, die ungewollt, im Stich gelassen, zu ihrem eigenen Wohl aus der Familie geholt oder auf der Straße aufgelesen worden waren. Also wurden auch Minderjährige im Alter zwischen sechs und fünfzehn Jahren vom Jugendamt ins Dunklebarger eingewiesen, das auch als Kinderheim firmierte. Allerdings lernten die Kinder rasch, sich selbst als »Insassen« zu bezeichnen. Die Einrichtung selbst hieß allgemein nur DG , weil Dunklebarger für die kleineren Kinder zu schwer auszusprechen war. Welches Kind die Abkürzung DG anstelle von DB geprägt hatte, ist nicht überliefert. Die älteren Insassen wussten genau, wofür diese Initialen standen: Düsternis und Grauen. Dummheit und Gehässigkeit. Dahinsiechen und Gram.
    So diente das Dunklebarger als Gefängnis für Jung und Alt. Die Alten saßen als Geiseln ihrer Körper ein, die mit ihrem Zerfall die Seelen zermalmten. Die Jungen waren Gefangene der Mächtigen, hin und her geschoben von einem System, das nichts anderes konnte, als die Zeit totzuschlagen. Selbst unter den besten Voraussetzungen konnte ein Kind erschreckend leicht unter den vielen Stapeln von Formularen begraben werden. Und das hier waren eindeutig nicht die besten Voraussetzungen.
    Für diejenigen, die mit dieser Einrichtung Profit machten, waren die Kinder doppelt nützlich. Erstens brachten sie Geld vom Staat, und zweitens konnten sie bei der Pflege der Hinfälligen eingesetzt werden. Das war auch der Grund, warum man Kinder unter sechs Jahren nicht aufnahm. Und ganz gleich ob Kind oder Erwachsener, Bewohner oder Mitarbeiter: Wer Fragen stellte, sich beschwerte oder aufbegehrte, verschwand unauffällig. Allerdings sorgte die Unwissenheit der Betroffenen dafür, dass gewisse Fragen gar nicht erst gestellt und Missstände nicht als solche wahrgenommen wurden. Für alle Kinder war eine einzige Sozialarbeiterin zuständig. Eine Frau unbestimmbaren Alters war ihre einzige Verbindung zu einem System, das eigentlich den Zweck hatte, sie vor Zuständen wie denen im DG zu schützen.
    Hinzu kam, dass jene unbekannte Macht die geldgierige, gleichgültige und ehrgeizige Heimleiterin auf den Gedanken gebracht hatte, Kinder mit dem Tod zu konfrontieren.
    Juliet Ambroses Zeit im Dunklebarger neigte sich dem Ende zu. An ihr Leben vor ihrer Ankunft hier im Alter von sechs Jahren konnte sie sich nicht mehr erinnern. Da die Heimleiterin ihr eingeredet hatte, dass sie ungewollt, vernachlässigt und ungeliebt gewesen war, ließ Juliet die Misshandlungen über sich ergehen und versuchte dabei, sich schützend vor ihre

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