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Mein schwacher Wille geschehe

Titel: Mein schwacher Wille geschehe
Autoren: Harry Nutt
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und selbstverständlich auch im Kreis von Freunden checken wir schnell noch unsere Mails und gehen mal kurz ins Netz. »Jede Nachricht ist potenziell eine schlechte«, schreibt Soboczynski: »Für jene, die ohnehin zu kleinen Neurosen neigen, führen Mailboxnachrichten und E-Mails, die Archive unserer Selbst, zu einer beständigen Unruhe. Zur Sucht ohnehin, da jederzeit eine Neuigkeit darauf warten könnte, von uns entdeckt zu werden. Das neue Heroin heißt iPhone, jenes ultimative Handy, über das man auch E-Mails abrufen kann, ein Arbeitsgerät, das sich als Technikspielzeug tarnt.« Sind wir denn alle verrückt geworden, lässt Soboczynski eine E-Mail-Leserin fragen, als diese entdeckt, dass der schnelle Textaustausch kurz vor Mitternacht stattfand. Ja, sind wir, antwortete der Autor noch rasch und schaltete den Computer aus.
    Man kann diese manische Beschäftigung mit den technischen Hilfsmitteln als ein Laster beschreiben, das Auskunft darüber gibt, wie rasend und nachhaltig sich lasterhaftes Tun in unserer Normalzeit einzurichten weiß. »Wir gehören einer neuen Schicht |17| an«, meint Soboczynski: »Wir sind die jederzeit Belangbaren.« Zu einem vollständigen Laster fehlt jedoch der Konflikt. An der seltsamen Bereitschaft dauernd und überall erreichbar zu sein, scheint kaum jemand zu leiden. Manchmal mag es nerven, meist ist man sogar stolz drauf. Kein Problem. Wer dieses kleine Ding aus dem Etui ziehen kann, signalisiert Bedeutung, zumindest für die kurze Phase der Geräteaktualität. Zum handfesten Laster aber fehlt der ernsthafte Versuch, es wenigstens von Zeit zu Zeit einmal ganz ohne zu probieren oder zumindest den Feierabend über offline zu sein.
    Jenseits der Anstrengungen, von den Zigaretten loszukommen und nur die Hälfte zu essen, ist die Bandbreite von Laster und Willensschwäche unübersichtlich. Es kommen neue hinzu und nicht alle erkennt man sofort. Versuchen wir es zu Beginn mit Empirie: Ich habe mehr oder weniger unsystematisch berufene Leute gefragt, was sie unter Laster verstehen, wie sie damit umgehen und was man tun oder lassen kann. Für die Autorin und Journalistin Ursula März gehört das Rauchen nach wie vor zu den Dingen, die sie sich vorgenommen hat zu unterlassen – und dann doch tut. Dabei entspricht sie nicht dem Bild der klassischen abhängigen Raucherin. Es ist zehn Uhr morgens, und wir haben uns in einem Berliner Café getroffen. »Ich habe noch keine Zigarette geraucht, und ich werde heute auch keine mehr rauchen«, sagt Ursula März. »Aber das auch nur deshalb, weil ich weiß, dass ich nicht in eine Situation kommen werde, in der ich mir schon tausendmal vorgenommen habe, nicht zu rauchen. Ich spreche von Situationen wie einem komplizierten Telefonat, dem Schreiben eines Textes, der entweder lustvoll oder schwierig ist, dem Herumhängen vor dem Fernseher etc. All das werde ich heute nicht tun, weil ich eine kleine Reise vor mir habe. Und im ICE darf man ohnehin nicht rauchen. Dass ich heute mit Gewissheit nicht rauchen werde, ist allerdings keine Garantie dafür, dass ich es morgen ebenfalls nicht tue. Es ist dabei immer dieses Gefühl mit im |18| Spiel: Es ist nicht gut.« Dieses Gefühl, sagt März, sei jedoch wankelmütig. Es gehe dabei vermutlich nicht um Haltlosigkeit, sondern um ein Übermaß an Kontrolle und Zwanghaftigkeit.
    Und macht sich dieses Gefühl auch in anderen Situationen bemerkbar? Ursula März nennt das morgendliche Ritual, in den Tag zu kommen: »Ich sage mir oft: Lauf morgens nicht zu lange im Schlafanzug rum. Es kann mir passieren, dass ich mittags um eins immer noch vollkommen ungeputzt bin. Das hat gewiss damit zu tun, dass ich Freiberuflerin bin. Ich muss nicht ins Büro. Ich setze mich manchmal also direkt nach dem Aufstehen an den Schreibtisch, ungekämmt, ohne die Zähne geputzt zu haben etc. Wenn es dann klingelt, mache ich die Tür nicht auf, weil ich noch nicht vorzeigbar bin. Ich habe mir schon oft vorgenommen, nicht so in den Tag zu starten. Aber ich mache es, gerade weil ich es mir schon so oft vorgenommen habe. Trotz und eine Art von Unrast sind mit im Spiel, auch so etwas wie Unschlüssigkeit. In dem Moment, wo ich eigentlich ins Bad gehen müsste, um zu duschen und mir die Zähne zu putzen, habe ich zwei Konflikte. Es gibt den Konflikt mit der Sache, also: ordentlich Anziehen. Außerdem habe ich aber noch einen Konflikt zwischen Kontrollverlust und Kontrollzwang. Ich merke, dass ich über die Sache hinaus an ein

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