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Mein schwacher Wille geschehe

Titel: Mein schwacher Wille geschehe
Autoren: Harry Nutt
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Der etwas archaisch anmutende Begriff fischt gern im Trüben. Die Werte des Lasters sind auf einer Skala zwischen Lust und Schuld, Bereicherung und Schaden nicht zu finden. Fragen nach dem Laster greifen tief ein in den psychologischen Haushalt und es kann schon sein, dass die Ursachen für das dauernde Aufschieben und die Hingabe an zerstreuende Ersatzhandlungen weit zurück in der Kindheit liegen. Das Lob des Lasters, um das es hier geht, ist jedoch nicht als psychologisches Vademecum zu verstehen. Die Grenzen zwischen liebenswerten Marotten und manifesten Krankheitsbildern sind mitunter fließend. Wo sie in den Bereich der Zwangshandlungen und Suchtkrankheiten führen, hilft kein anderer Rat als die Empfehlung professioneller und ärztlicher Hilfen. Das »Ausredenbuch« ist nicht als lockeres Entlastungsprogramm |12| misszuverstehen. Faule Ausreden werden ohnehin gnadenlos entlarvt. Dieses Buch enthält keine Liste der 100 besten Ausreden, mit denen man sich elegant durchs Leben mogeln kann. Wenn der Satz: »Lass mich doch endlich einmal ausreden« eine kurze Atempause vor der nächsten Unterbrechung bedeutet, dann soll hier mit Blick auf die allzu menschlichen Schwächen einmal zu Ende gesprochen werden. Abwiegeln gilt nicht. Es ist also ein Ausredenbuch in einem aufklärerischen Sinn.
    Ausreden bedeutet auch, weiter auszuholen. Die einzelnen Kapitel nähern sich dem Thema aus verschiedenen Richtungen. Am Beispiel der Spielsucht (siehe
Exkurs: Wenn das Laster zur Sucht
wird
) wird das komplexe Zusammenspiel zwischen beiläufigem Zeitvertreib, kreativen Ressourcen und selbstschädigendem Tun beschrieben. Es ist nicht ausgemacht, wo das Vergnügen aufhört und wo pathologisches Verhalten und die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen beginnt. Wie widersprüchlich die Bewertung ausfallen kann, verrät die unterschiedliche Einordnung von Lastern in die Kategorien des Rechts. Anders als beim Rauchen, wo ja gerade derjenige geschützt werden soll, der es nicht tut, geht der Gesetzgeber im Fall des Glücksspiels davon aus, dass die Akteure vor übermäßigem Spiel bewahrt werden müssen. Glücksspiel ist daher grundsätzlich verboten, und wird, vom Staat kontrolliert, in dieser und jener Form wieder zugelassen. Das Laster wird vor dem Recht also nach dem Muster einer eigenwilligen Relativitätstheorie bearbeitet.
    Das erklärt sich schon aus einer nicht sehr geradlinig verlaufenen Rechtsgeschichte, in der demeritorische (also wenig verdienstliche) Güter unterschiedlich eingeschätzt wurden. In traditionellen Gesellschaften wurde eine Praxis der Einhegung der Laster verfolgt. Das Übel der Trunksucht war in den meisten Gesellschaften früh erkannt, kleine Gemeinschaften waren aber geneigt, es zu tolerieren. Trinker wurden nicht exkommuniziert, |13| lange erkannte man in der Trunkenheit eine Art heiligen Taumel. Man wusste immer, wer und wo die Trinker sind und passte so gut es ging darauf auf, dass sie keinen Schaden anrichteten. Laster und Willensschwäche dienten als mahnendes Beispiel für die Gemeinschaft und hatten somit nicht zuletzt eine orientierende und integrierende Funktion.

    Im mittleren Teil des Buchs geht es um Ambivalenzen und Neubewertungen, die im weiten Feld von Laster und Willensschwäche lauern. Wenn die angestrengten Versuche, die Laster auszumerzen, ein »erschöpftes Selbst« hinterlassen, wie es der französische Soziologe Alain Ehrenberg beschrieb, dann können begriffliche Umwertungen nicht schaden. Lässigkeit wäre so verstanden eine Haltung, die, vom Gelingen überzeugt, auch mit Niederlage und Scheitern umzugehen weiß. Als Kronzeugen einer solchen Haltung könnte man Himmelkumov heranziehen, den Daniil Charms in einer seiner Kürzestgeschichten auftreten lässt. »Der Tabak war alle, und Himmelkumov hatte nichts mehr zu rauchen. Er zog an der leeren Pfeife, aber das verschlimmerte nur die Qual. So vergingen ein, zwei Stunden. Und dann war wieder Tabak da.«
    Himmelkumov ist kein souveräner Akteur, der mit kühler Gelassenheit die Dinge im Griff hat. Die Lage ist ernst, die Qualen sind beachtlich. Man möchte sich gern auf das Vertrauen stützen, das Himmelkumov in der Wartestellung verharren lässt. Aber woher kommt es? Ist es wirklich begründet? Wer besorgt den Tabak? Himmelkumov ist nicht die handelnde Kraft der Geschichte. Es sind vielmehr die Auslassungen des Erzählers, die ihn am Ende wieder mit Tabak versorgen. In den Arenen der Selbstoptimierung und Selbstbehauptung, so

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