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Mein Jahr als Mörder

Mein Jahr als Mörder

Titel: Mein Jahr als Mörder
Autoren: Unbekannter Autor
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Friedrich Christian Delius  -  Mein Jahr als Mörder
    Roman

FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS
    geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen, lebt heute in Berlin und Rom. Seine Erzählungen und Romane, unter anderem «Mogadischu Fensterplatz», «Die Birne von Ribbeck», «Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde», «Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus» und «Der Königsmacher», machen ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart.
    Am Nikolaustag 1968 hört ein Berliner Literaturstudent im Radio, dass der Nazi-Richter Rehse endgültig freigesprochen wurde. Noch während die Nachrichten laufen, beschließt er, ein Zeichen zu setzen: Er will diesen Richter umbringen. Für den Studenten eine ganz persönliche Angelegenheit, denn Rehse hat auch den Vater seines besten Freundes zum Tode verurteilt, Georg Groscurth - Leibarzt von Rudolf Heß. und zugleich als Widerstandskämpfer aktiv, gemeinsam mit Robert Havemann.
    Die Tatbereitschaft des jungen Mannes wächst, je mehr er sich mit der Familiengeschichte beschäftigt. Besonders empört ihn das Schicksal von Groscurths Witwe Anneliese, die nach 1945 zwischen alle Fronten des Kalten Krieges geriet. Dass ein ehemaliger Nazi ungeschoren davonkommt, während die Witwe seines Opfers als kommunistische Hexe verschrien und in eine Kette von Justizskandalen verstrickt wird, ruft nach Vergeltung. Ohne Rücksicht mehr auf Studium, auf pazifistische Ideale oder seine Freundin Catherine setzt er Schritt für Schritt einen ausgeklügelten Plan um Ein Generationenroman, der autobiographische Fiktion und lebendige Zeitgeschichte verknüpft: die vierziger, fünfziger, sechziger Jahre - wie man sie bisher noch nicht vernommen hat.

    Das wirklich Irrationale und tatsächlich Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: es ist das Gute.
    Imre Kertesz

Eine freie Stimme der freien Welt
    Es war an einem Nikolausabend, in der Dämmerstunde, als ich den Auftrag erhielt, ein Mörder zu werden. Von einer Minute auf die andere war ich, wenn auch flatternden Leichtsinns, einverstanden. Eine feste männliche Stimme aus der Luft, aus dem unendlichen Äther, stiftete mich an, kein Teufel, kein Gott, sondern ein Nachrichtensprecher, der seine Meldungen ablas und, wie auf einer zweiten Tonspur, mir die Aufforderung ins Ohr blies, den Mörder R. zu ermorden. Eine Stimme aus dem RIAS, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor, noch dazu am Tag des heiligen Nikolaus - ich verstehe jeden, der mich oder den, der ich damals war, für verrückt hält, wenn ich heute den längst verjährten Mordanschlag gestehe.
    Mein Geheimnis kennt niemand, die Polizei hat von den verborgenen kriminellen Trieben so wenig bemerkt wie meine besten Freunde, und da ich als stiller und friedlicher Mensch gelte, ist mein Schweigen beim Thema Mord und Gewalt nie verdächtig gewesen. Jetzt darf ich sprechen, das Geständnis ist fällig. Allmählich wächst die Lust, die Geisterbahn der Erinnerung anzuwerfen und in die kleine Wohnung im Souterrain hinabzusteigen, wo ein Student das Radio anstellt, den Kachelofen mit Eierkohlen füttert, Wasser für Pulverkaffee kochen lässt und dem Duft der Pfeffernüsse aus dem Adventspäckchen der Mutter nicht widerstehen kann.
    Weil mir niemand so schnell den Mörder glauben wird, muss ich etwas ausholen, auch Ofen und Gebäck gehören in die Indizienkette des Erzählens. Solange ich nicht ausschließen kann, dass die Pfeffernüsse meine Mordlust stimuliert haben, darf ich sie im schriftlichen Geständnis nicht übergehen. Mein Verhör muss ich mit mir selbst führen. Das ist das Pech, wenn man nicht erwischt worden ist. Wie in jedem besseren Krimi können die Motive, Umstände und Peinlichkeiten der Tat erst nach und nach enthüllt werden.
    Es kamen die Nachrichten, gewöhnliche Sätze im gewöhnlichen Nachrichtendeutsch, ich hörte nicht richtig zu, in mir die verschleppte Müdigkeit des grauen, nassen Dezembers. Das Zimmer war noch kühl, ein Kachelofen braucht seine Zeit, ich ließ mich wärmen von der Stimme des Sprechers, von dem vertrauten Bass, der sich im Stundentakt zur freien Stimme der freien Welt erhob. Die Pfeffernüsse waren hart und schmeckten nach einer ärmlichen Süße, ich wartete auf die Wetteraussichten und dann auf Mozart oder Beethoven zum Abschalten.
    Wie alle Sender in Berlin war auch der amerikanische RIAS nicht frei von Propaganda, aber er hatte die besten Sprecher mit suggestiven, tief schwingenden Stimmen, männlich, schützend und entschieden wie

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