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Mein bis in den Tod

Mein bis in den Tod

Titel: Mein bis in den Tod
Autoren: Peter James
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    Prolog
    I rgendjemand hatte Maddy Williams gesagt, dass man es wisse, wenn man sterbe. Vielleicht hatte sie es auch irgendwo gelesen. In einer Zeitung? Einer Zeitschrift? Sie las jede Menge Frauenzeitschriften. Vor allem die Ratgeberseiten für ängstliche Menschen wie sie selbst, die wegen ihres Aussehens – allzu lange Nasen, allzu hängende Brüste, Segelohren, schmale Lippen – unter Komplexen litten.
    Es gab Autos mit Mängeln, bekannt als Montagsautos. Vielleicht gab es ja auch »Freitagsmenschen« – Menschen, in deren Genen kleine Teile fehlten, was sich in zu eng stehenden Augen, nicht vorhandenen Fingern oder einer Hasenscharte zeigte oder, wie bei ihr, in einem portweinroten Muttermal in Gestalt des Staates Texas, das ihr halbes Gesicht bedeckte. Defekte, die die Betroffenen für den Rest ihres Lebens für alle sichtbar mit sich herumtragen, als ob sie ein Plakat mit der Aufschrift hochhielten:
Das haben meine Gene mir angetan
.
    Doch Maddy Williams hatte genug davon. Seit ihrem zehnten Lebensjahr, als sie im Fernsehen eine Dokumentation über Schönheitschirurgie gesehen hatte, und seit Danny Burton und alle anderen in ihrer Klasse und fast jeder Fremde, dem sie je begegnet war, sie auf eine Art angestarrt hatten, dass sie sich wie ein Schreckgespenst fühlte, sparte sie für eine Reihe von Operationen, die ihr Leben völlig verändern sollten. Und die ein ganz berühmter Schönheitschirurg durchführen sollte.
    Vor einigen Monaten hatte er ihr im Besprechungszimmer auf Papier skizziert und am Computer gezeigt, wie sie mit ihrem neuen Gesicht aussehen würde. Vor drei Wochen hatte sie die erste Operation gehabt. Nicht nur Texas verschwand, auch ihre Hakennase verwandelte sich in ein Cameron-Diaz-Näschen, ihre Lippen wurden aufgespritzt, ihre Wangenknochen in Form gebracht. Nach 31 Jahren der Hölle würde sie sich grundlegend wandeln!
    Und nun, auf dem Operationstisch, benebelt durch die Prämedikation, wagte sie kaum zu glauben, dass das alles passierte … dass es wirklich
passierte!
Denn noch nie war ihr etwas Gutes widerfahren, das war ihr Schicksal. Immer wenn es so aussah, als ob ihr etwas zu glücken schien, ging irgendetwas schief. Auch darüber hatte sie viel gelesen, über Menschen, die vom Pech verfolgt sind. Gab es vielleicht ein Pech-Gen?
    Tatsächlich waren die beiden Operationen, die bisher gemacht worden waren, nicht so toll verlaufen, wie sie es sich erhofft hatte. Sie war von ihrer Nase enttäuscht, die Nasenflügel waren allzu gewölbt, aber das wollte der Operateur nun ändern. Nur ein winziger Eingriff heute, Prämedikation und örtliche Betäubung, ein bisschen Herumzupfen, und schon wär’s vorbei.
    Wenn ich damit durch bin, habe ich ein Näschen wie Cameron Diaz.
    Bald werde ich genau so aussehen, wie ich immer wollte. Normal. Ich werde ein ganz normaler Mensch sein. Genau so wie alle anderen
.
    Die Zimmerdecke über ihr bestand aus cremefarbenem Gips, sie wirkte abgenutzt, die Art Decke, auf der sich Spinnen tummeln und Käfer krabbeln.
Ich bin eine Puppe, zusammengerollt in einem Kokon, und werde als schöner Schmetterling herausschlüpfen
.
    Der Tisch wackelte leicht unter ihr, ein leises Rumpeln – Räder? Wie ein Trommelwirbel. Jetzt lag sie unter hellen Lampen. Sie spürte ihre Wärme. Lass dich bräunen!, dachte sie.
    Über ihr standen zwei Gestalten in grünen Operationskitteln, die Gesichter versteckt hinter dem Mundschutz und den Operationshauben. Die OP -Schwester und der Chirurg. Er sah sie an. Beim letzten Mal hatten seine Augen voll Wärme und Humor geblitzt, jetzt aber wirkten sie kalt, bar jeden Gefühls. Ein eisiger Wind fegte durch sie hindurch, und die leise Beklommenheit, die sie vor einigen Minuten verspürt hatte, steigerte sich zu der furchtbaren Ahnung, den Eingriff nicht zu überleben.
    Die Leute wissen es, wenn sie sterben
.
    Aber sie brauchte keine Angst zu haben. Der Arzt war doch ein netter Kerl! Er hatte ihr gezeigt, wie schön er sie machen konnte, hatte ihr die Hand gehalten, um sie zu beruhigen, hatte sogar alles getan, um sie davon zu überzeugen, dass sie gut aussah, so wie sie war, dass sie keine Operation benötigte, dass das Mal in ihrem Gesicht und der Knick in ihrer Nase sie nur interessanter machten …
    Doch heute wirkte der Chirurg so anders – oder bildete sie sich das nur ein? Hilfe suchend sah sie die Krankenschwester an. Warmherzige, besorgte Augen erwiderten ihren Blick. Sie war sich nicht bewusst, dass da

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