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McCorkle und Padillo 03 - Die Backup-Maenner

McCorkle und Padillo 03 - Die Backup-Maenner

Titel: McCorkle und Padillo 03 - Die Backup-Maenner
Autoren: Ross Thomas
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1
    Er sah nicht so aus, als ob er schon alt genug wäre. Nicht alt genug, um vormittags um elf Uhr fünfundvierzig einen Martini zu bestellen. Daher verließ ich, als mir Joan, unsere Cocktailkellnerin, kurz zunickte, die Bar und einen leicht verkaterten Reporter der Washington Post , um nachzusehen, ob der jugendliche Vormittagstrinker irgendwie beweisen konnte, daß er wenigstens einundzwanzig war.
    Für das Mittagsgeschäft war es noch zu früh, und der Reporter und ich hatten bei einer Flasche Bier Diättips und Erinnerungen an eine Infanteriegarnison im Norden von Texas ausgetauscht, wo wir beide vor langer Zeit einige Monate verbracht hatten, von denen uns jeder Augenblick verhaßt gewesen war.
    Selbst aus nächster Nähe wirkte er noch nicht alt genug. Ich schätzte ihn auf neunzehn, möglicherweise zwanzig, aber das mochte an seinem blaßblonden, beinahe weißen Haar liegen, das ihm über die Ohren hing und das er sorgfältig zu einem revolutionären Entenschwanz zurückgebürstet und gekämmt trug. Die Revolution von 1776, nicht die gegenwärtige.
    Er sah mich nicht näherkommen. Er blickte nicht auf, bevor ich sagte: »Bedauere, Sie zu behelligen, aber haben Sie etwas bei sich, aus dem hervorgeht, daß Sie schon einundzwanzig sind? Wir möchten die Lizenz behalten.«
    Da blickte er auf, und als ich seine Augen sah, vermutete ich, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Als er lächelte, wußte ich es. Manche Leute haben ein dreckiges Lachen, aber er hatte ein dreckiges Lächeln, und er hatte länger als einundzwanzig Jahre gebraucht, um es zu dieser Vollkommenheit zu entwickeln. Er behielt es bei, während er in die Innentasche seiner Jacke griff und mir ein dünnes schwarzes Klappetui reichte. Seine Augen wichen keinen Augenblick von meinem Gesicht, Augen, die von blassestem Blau waren, fast die Farbe von arktischem Eis und annähernd so warm.
    Er hatte mir einen Schweizer Paß gereicht, der behauptete, er heiße Walter Gothar, lebe in Genf und sei zweiunddreißig Jahre alt. Ich reichte ihm den Paß zurück.
    »Entschuldigen Sie, Mr. Gothar«, sagte ich.
    »Das passiert mir oft.«
    »Der Drink geht aufs Haus.«
    Gothar schüttelte flüchtig den Kopf. »Ich bestehe darauf, ihn zu bezahlen.« Er sprach mit Akzent, aber der schien zu kommen und zu gehen, je nach dem Wort, das er benutzte. Ich zuckte mit den Achseln, zeigte ihm ein durchaus freundliches Lächeln und wollte mich abwenden, als er fragte: »Wo ist Michael Padillo?« Ich wandte mich ihm wieder zu.
    »In Chicago. Geschäftlich.«
    »Tut mir leid, daß ich ihn verpaßt habe.«
    »Morgen ist er wieder zurück.«
    »Ich möchte eine Nachricht für ihn hinterlassen.«
    Er schwieg lange, als ob er sich Gedanken machte, wie er die Nachricht formulieren sollte, und das gab mir Gelegenheit, sein dunkelblaues Hemd, die weiße Strickkrawatte und die dicke Rohseide, aus der er seinen neuen Frühlingsanzug hatte machen lassen, zu bewundern. Er trug ein Ziertaschentuch, das er in seinen linken Ärmel gesteckt hatte, und es entsprach genau der Farbe seines Hemdes; ich hätte ihn vielleicht für einen kleinen Stenz gehalten, wenn nicht diese eisigen Augen und dieses dreckige Lächeln gewesen wären, das auftauchte und verschwand wie das Warnzeichen eines Leuchtturms über einem glatten, eigensinnigen Kinn, das wohl nur selten rasiert werden mußte. Auch seine dünne Nase hatte Charakter, aber ich war mir nicht sicher, welcher Art.
    »Sie sind der McCorkle?« sagte er, und ich sagte ja, ich sei der McCorkle. Ich drehte mich um und nickte Joan zu, und sie brachte schnell den Martini. Nachdem sie wieder gegangen war, nahm er zwei Eindollarnoten aus einer dünnen braunen Brieftasche, strich sie neben dem Glas glatt, betrachtete nachdenklich seinen Drink, rührte ihn aber nicht an. Er starrte immer noch darauf, als er schließlich begann: »Sagen Sie Michael Padillo …« Er brach ab und sah schnell zu mir auf, vielleicht um sich zu vergewissern, daß ich ihm wirklich zuhörte.
    »Sagen Sie Padillo«, er betonte jedes Wort, »daß wir die Farm nicht kaufen wollen.«
    »Das wird er aufrichtig bedauern«, erwiderte ich, nur um überhaupt etwas zu sagen.
    Er musterte mich weiter, anscheinend nicht so sehr, um festzustellen, ob ich den Satz gehört, sondern ob ich ihn verstanden hatte. Ich glaubte schon, sah aber keinen Grund, Gothar das wissen zu lassen. Manchmal habe ich einen vorsichtigen Tag.
    »Über die Gründe muß ich mit ihm persönlich sprechen.«
    »Kommen Sie

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