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Maxwell 02 - Nur du kannst sie verstehen

Maxwell 02 - Nur du kannst sie verstehen

Titel: Maxwell 02 - Nur du kannst sie verstehen
Autoren: Terry Pratchett
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Kapitel eins
    J ohnny wußte selbst nie so recht, wieso er angefangen hatte, die Toten zu sehen.
    Der Stadtrat meinte, er habe es wahrscheinlich getan, weil es bequemer war, als sie nicht zu sehen.
    Er sagte, bei den meisten Leuten lasse der Kopf es nicht zu, daß sie Dinge sahen, die sie aufregen könnten. Der Stadtrat meinte, er müsse es schließlich wissen, da er sein ganzes Leben (1822–1906) damit zugebracht hatte, irgendwas
nicht
zu sehen.
    Wobbler Johnson, sozusagen Johnnys bester Freund, hielt ihn schlicht für durchgeknallt. Aber Yo-less, der medizinische Bücher las, meinte, er könne wahrscheinlich seine Gedanken nicht wie normale Menschen auf etwas Bestimmtes konzentrieren. Normale Menschen bekamen fast nichts von dem mit, was um sie herum geschah, und konzentrierten sich statt dessen auf die wichtigen Dinge wie Aufstehen, aufs Klo gehen und in ihrem Leben vorankommen. Wogegen Johnny morgens einfach die Augen öffnete, und das ganze Universum prallte ihm ins Gesicht. Wobbler sagte, das höre sich immer noch ziemlich nach »durchgeknallt« an.
    Aber wie auch immer man es erklärte, es
bedeutete
nur eins: Johnny sah Dinge, die andere Leute nicht sahen.
    Wie zum Beispiel die toten Leute, die auf dem Friedhof rumhingen.
    Der Stadtrat – zumindest der
alte
Stadtrat – rümpfte über die meisten anderen Toten ein wenig die Nase, sogar über Mr. Vicenti, der ein riesiges schwarzes Marmorgrab mit Engeln hatte; hinter einer Glasscheibe war dort ein Foto von Mr. Vicenti (1897–1958), auf dem er alles andere als tot aussah. Der Stadtrat meinte, Mr. Vicenti sei ein Mafiaboß gewesen. Mr. Vicenti hingegen erzählte Johnny, daß er sein ganzes Leben lang Großhandelsvertreter für Krimskrams, Amateur-Entfesselungskünstler und Entertainer für Kinder gewesen sei, was in einigen wesentlichen Punkten ziemlich weit von einem Leben als Mafiaboß entfernt war.
    Aber das war alles erst später. Als er die Toten schon ein wenig besser kannte. Nachdem der Geist des Ford Capri aufgetaucht war.
     
    Johnny hatte den Friedhof eigentlich erst entdeckt, nachdem er bei Opa eingezogen war. Das war im dritten Teil der Experimentier-Phase, nach dem Rumbrüllen, was ziemlich schlimm gewesen war, und dem Vernünftigsein (noch schlimmer – Menschen können einfach besser rumbrüllen). Jetzt hatte sein Vater einen neuen Job irgendwo am anderen Ende des Landes. Johnny hatte das leise Gefühl, daß alles in Ordnung kommen könnte, nachdem sie endlich damit aufgehört hatten, vernünftig sein zu wollen. Aber im großen und ganzen versuchte er einfach, so wenig wie möglich darüber nachzudenken.
    Er hatte aufgehört, mit dem Bus nach Hause zu fahren, und war statt dessen den Weg am Kanal entlang gegangen; dabei hatte er entdeckt, daß man die Hälfte des Weges abkürzen konnte wenn man an der eingefallenen Stelle über die Mauer kletterte und dann hinter dem Krematorium herum ging.
    Die Gräber reichten bis ganz hinunter ans Kanalufer.
    Es war einer dieser alten Friedhöfe, hier gab es noch Eulen und Füchse. Manchmal stand in der Sonntagszeitung etwas über das kulturelle Erbe der viktorianischen Zeit, aber dieser Friedhof wurde nie erwähnt, da er zu weit von London entfernt war.
    Wobbler fand ihn gruselig und ging manchmal den langen Weg, aber Johnny war enttäuscht, daß es nicht gruseliger war. Wenn man erst mal vergessen hatte, – was es eigentlich war – daß da lauter Skelette unter der Erde lagen und im Dunkeln vor sich hingrinsten –, war es gar nicht übel. Vögel sangen. Die Autos waren kaum mehr zu hören. Einfach friedlich.
    Einiges hatte er jedoch erst abchecken müssen. Auf manchen der älteren Gräber standen große Steintruhen, und in den verwilderten Ecken des Friedhofs hatten sie Risse bekommen oder waren sogar aufgegangen. Vorsichtshalber hatte er mal reingeschaut.
    Und sie zu seiner Enttäuschung leer gefunden.
    Und dann gab es noch die Mausoleen. Sie waren viel größer und hatten Türen. Sie sahen ein bißchen wie Gartenhäuschen aus, nur mit Engeln drauf. Die Engel waren oft lebensechter, als man erwartet hätte, vor allem einer am Eingang, der so aussah, als wäre ihm gerade eingefallen, daß er lieber noch mal im Himmel aufs Klo gegangen wäre.
    Jetzt gingen die beiden Jungs über den Friedhof und wirbelten dabei die dicke Laubschicht vom Boden auf.
    »Nächste Woche ist Halloween«, sagte Wobbler. »Ich gebe ‘ne Party. Alle müssen als was Schreckliches kommen. Du kannst dir natürlich die Verkleidung

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