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Maskerade

Maskerade

Titel: Maskerade
Autoren: Dorothy Gilman Butters
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waren sie in ihre Stadtteile zurückgekehrt und dort geblieben. Jetzt war es, als hätte man ein Fernglas umgedreht. Statt die Weißen aus großem Abstand zu betrachten, hatte sie diese unmittelbar vor Augen, erschreckend in solcher Nähe, weil sie unberechenbar waren. Eigentlich konnte ihr alles zum Verhängnis werden. Ihr Gesicht mochte vielleicht das Geheimnis wahren, aber ihre Gewohnheiten konnten sie verraten, denn seit Jahren hatte sie sich bemüht, die Bewegungen und das Benehmen zu erlernen, das die Weißen von einer Negerin erwarteten, und nun sollte sie an einem einzigen Tag alles vergessen. Sie mußte sich zwingen, den Leuten offen ins Gesicht zu sehen, zu lächeln und mit frischer Stimme zu sprechen, und vor allem durfte sie nie den Fehler begehen, alle Weißen mit „gnädige Frau“ oder „mein Herr“ anzureden. Sie durfte nicht mehr unterwürfig wie eine Negerin reagieren, sonst würde man ihr Geheimnis ahnen. Aber vor allen Dingen durfte sie mit niemandem Freundschaft schließen.
    Bei diesem Gedanken überfiel die Einsamkeit Cara wie ein brennender Schmerz. Sie beugte sich über ihren Schreibtisch, bettete das Gesicht in ihre Arme und fühlte, wie die Tränen ihr heiß über die Hände rannen.

3. KAPITEL

    Als Liz nach dem Abendessen die Treppe hinauf stieg, wußte sie bereits, daß sie sich im Prewitt-Heim wohl fühlen würde. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Nicht aus efeuumrankten College-Gebäuden , die im Rechteck angelegt waren, bestand es, sondern vielmehr aus sechs alten Sandsteinhäusern, die in einer Reihe standen und auf einen Park voller Bänke, einen Springbrunnen und ein Kirschbaumrondell hinausgingen. Drinnen knarrten die Stiegen vor Alter, die Fußböden waren schief, und die Räume waren gut drei Meter hoch, aber eben das gab dem Ganzen einen eigenen, etwas altertümlichen Zauber. Liz vermutete, daß das Heim recht planlos nach und nach gewachsen war, denn der große Speisesaal lag im zweiten Haus bei den Küchen, ein kleinerer Saal, das Nähzimmer und die Telefonzentrale befanden sich im dritten Haus. Einige Häuser waren durch Gänge miteinander verbunden, andere standen allein, doch all das gab dem Heim seine besondere Note.
    „Ich bin gespannt auf die Schule“, sagte sie zu Cara.
    Cara streifte sie mit einem raschen Blick. „Warst du noch nicht dort?“
    Sie schüttelte den Kopf. „Bis vor zwei Wochen hatte ich keine Ahnung, daß ich herkommen würde.“
    „Du hast Glück gehabt, daß du noch angenommen wurdest.“
    „Welchen Kursus hast du belegt, Cara?“
    „Illustration. Und du?“
    „Modeentwurf.“
    „Das klingt interessant.“
    Liz fand es schwierig, mit Cara zu plaudern. Beim Essen saß sie an einem Zweiertisch Cara gegenüber, und sie hatte die Unterhaltung mit der Frage einzuleiten versucht, woher Cara komme. Dann hatte sie sich erkundigt, wie ihr Philadelphia gefalle und wie lange sie schon hier sei. Danach gab es nicht mehr viel zu fragen, und die beiden hatten schweigend ihre Teller leer gegessen. Cara selbst hatte nur ein einziges Mal sehr bescheiden nach Liz’ Heimatstadt gefragt, das war alles gewesen. Cara schien nicht eigentlich schüchtern zu sein, denn ihre Antworten waren alle prompt und klar, aber kurz. Offenbar lag Cara nicht viel an einer Unterhaltung.
    „Ich bin froh, daß wir ein langes Wochenende haben, damit wir uns auf den Schulbeginn vorbereiten können“, versuchte es Liz noch einmal. „Glaubst du, daß du Heimweh kriegst?“
    Cara lächelte schwach. „Du vielleicht?“
    Wieder so eine abwehrende Frage statt einer Antwort!
    „Ich fürchte, ja“, seufzte Liz. Sie würde zwar kaum wirklich krank vor Heimweh werden, aber doch würde sie die vertraute Umgebung vermissen. Alles war anders hier: die Menschen, die Stadt, die Zimmer, die Möbel, die Luft — und besonders die Atmosphäre. Sie hatte nur Peters Bild, das ihr eine heimelige Stimmung hätte vermitteln können, aber unter den gegebenen Umständen war es wohl reichlich unpassend, seine Fotografie aufzustellen und sich von ihr ständig daran erinnern zu lassen, weshalb sie eigentlich hergekommen war. Als sie den dritten Stock erreichten, sahen sie zwei Koffer im Flur stehen, einen vor der Tür des Zimmers 3C und den andern auf der Schwelle zu 3 B.
    „Wir bekommen anscheinend Gesellschaft“, schloß Liz daraus.
    „Ja, so ist es“, war Caras Antwort.
    Liz blieb stehen, um einen Blick nach 3B hineinzuwerfen. „Schau bloß die Weite dieses Raumes an!“ bewunderte sie.
    Cara

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