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Marschfeuer - Kriminalroman

Marschfeuer - Kriminalroman

Titel: Marschfeuer - Kriminalroman
Autoren: Heike Denzau
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PROLOG
    Sein Herz begann
     unkontrolliert zu rasen, als er die schäbige Kunststofftür vorsichtig aufzog.
     Das leichte Quietschen der rostigen Scharniere multiplizierte sich in seinem
     Kopf zu Sägenkreischen, und er verharrte einen Moment auf der Schwelle. Er
     lauschte in die Dunkelheit der kleinen Laube.
    Er konnte ihn atmen
     hören. Schwer, aber gleichmäßig und ungestört. Erleichtert zog er die Tür– mit
     einem erneuten Quietschen– hinter sich zu. Dieses Mal verstummten die
     Atemgeräusche kurz, bevor sie Sekunden später wieder einsetzten.
    Er wartete fünf Minuten.
     Unbewegt stand er vor der Tür und ließ seine Augen sich an die Dunkelheit
     gewöhnen. Die Umrisse der spärlichen Einrichtung verloren ihre Schwärze, wurden
     zu anthrazitfarbenen Schatten. Die Kälte im Inneren der Hütte unterschied sich
     kaum von der Temperatur außerhalb der hölzernen Bretterwände. Anscheinend war
     der gasbetriebene Ofen seit Langem ausgestellt. Er schaltete die Mag-Lite an
     und machte zwei leise Schritte nach vorn. Der Lichtkegel fiel auf das schmale
     Bettgestell. Der Alte trotzte der kalten Aprilnacht mit einer gesteppten Decke,
     unter der sein Körper kaum auszumachen war. Zusätzlich schien er sich innerlich
     gewärmt zu haben. Der Alkoholdunst überlagerte den Muffgeruch der alten Baracke
     und ihres Inhaltes.
    Seine behandschuhten
     Finger begannen zu zittern. Der Schweiß unter seiner schwarzen Wollmütze
     verursachte auf seiner Haut einen unerträglichen Juckreiz, aber er ließ nicht
     zu, dass seine Hände dem ein Ende bereiteten. Seine Hände hatten eine andere
     Aufgabe.
    Er knipste die
     Taschenlampe wieder aus und wartete. So lange, bis sich seine Augen wieder an
     die Dunkelheit gewöhnt hatten, bis die Umrisse wieder an Klarheit gewannen. Er
     zog den kurzen Strick aus der Jackentasche und wickelte die beiden Enden fest
     um seine Handflächen. Er zitterte immer noch, aber er zögerte nicht. In
     Sekundenschnelle fuhr er mit dem Strick unter dem Kopf des Alten entlang bis zu
     dessen Hals, überkreuzte seine Unterarme und zog. Seine Armmuskulatur musste
     alle Kraft aufbieten, denn der im Schlaf Überraschte entwickelte ebenfalls
     Kräfte, mit denen er nicht gerechnet hatte. Doch der Widerstand des Alten war
     nur von kurzer Dauer.
    Als der Körper vor ihm
     erschlaffte, zog er seine Hände langsam zurück. Wie von Sinnen fuhr er mit
     seinen Fingern unter die Wollmütze und scheuerte über seine juckende Haut.
    Er war erlöst.
    Aber der Anflug von
     Euphorie hielt nur Sekunden. Dies war erst der Anfang.
    Hastig zog er die kleine
     Mag-Lite wieder aus seiner Jackentasche und drehte sie an. Mit einem Ruck zog
     er die Bettdecke zur Seite. Ein fleckiger, durchlöcherter Seemannstroyer über
     einer abgewetzten Cordhose kam zum Vorschein. Er ließ den Lichtkreis über das
     Gesicht des Alten gleiten. Leere Augen stierten ins Nichts. Der von grauen
     Bartstoppeln umrahmte, leicht geöffnete Mund zeigte ein lückenhaftes Gebiss. Im
     Oberkiefer fehlte ein Schneide-, im Unterkiefer ein Eckzahn. Die Hände waren
     schwielig, und die ungepflegten Fingernägel trugen einen gleichmäßigen
     schwarzen Rand. Seltsam fehl am Platz wirkte der breite silberne Ring am
     Ringfinger der linken Hand.
    Kurz streifte der
     Lichtkegel die wenigen Einrichtungsgegenstände. Ein kleines schäbiges
     Nussbaumbüfett, daneben, auf dem verdreckten fadenscheinigen Teppich, eine halb
     leere Flasche Oldesloer Korn. Ein zusammenklappbarer, vollgemüllter
     Campingtisch, zwei Hocker, ein Holzstuhl. Ein Gasofen. Ein Gaskocher. Wenig
     Geschirr. Ein kleines Bord mit Zwieback, Marmelade und auf einem Teller ein
     Stück Käse. In der Ecke zwei Eimer Wasser neben einer Kiste voll schrumpeliger
     Äpfel. Ein dritter Eimer neben dem Bett zeigte durch deutliche Spuren, wozu er
     diente.
    Angeekelt wandte er den
     Blick ab. Hatte der Alte seine Scheiße draußen vergraben?
    Er atmete tief durch. Es
     spielte keine Rolle. Das Feuer würde den Dreck heiß und gierig wegbrennen.
     Brennen. Brennen.
    Wenn es nur erst
     brannte!

EINS
    Lyn hob ihren Kopf von
Hendriks Brust und hauchte einen Kuss auf seine Lippen.
    »Ich muss …«, flüsterte
sie und schob seufzend die Bettdecke von ihrem Körper.
    »Gar nichts musst du«,
erwiderte Hendrik mit einem Lächeln in der Stimme und griff nach ihr, als sie
aufstand. Er zog sie zurück ins Bett, rollte sich auf sie und hielt ihre Hände
mit seiner Linken über ihrem Kopf zusammen. Als

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