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Mariana: Roman (German Edition)

Mariana: Roman (German Edition)

Titel: Mariana: Roman (German Edition)
Autoren: Susanna Kearsley
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Kapitel eins
     
    Ich sah das Haus zum ersten Mal in dem Sommer, als ich fünf wurde. Schuld an allem waren ein Dichter und der Umstand, daß unser Wochenendbesuch bei einer älteren Lieblingstante in Exeter meinen Vater in eine unbestimmt poetische Stimmung versetzt hatte. Mit einer unerwarteten Straßengabelung auf unserer Heimfahrt nach Oxford konfrontiert, entschied er sich für die linke statt für die rechte Abzweigung. »Der weniger beschrittene Pfad«, verkündete er mit milder, träumerischer Stimme. Und gemäß dem Versprechen des Dichters sollte dies tatsächlich eine folgenreiche Entscheidung sein.
    Es fing damit an, daß wir uns verfuhren. Und zwar so gründlich, daß meine Mutter die Autokarte wegstecken mußte. Die heranrollenden dunklen Wolken, die allmählich die Sonne verdeckten, schienen nur eine Ausdehnung der sich verdüsternden Stimmung meines Vaters zu sein, der alle Poesie vergessen hatte und sich mit grimmiger Miene über das Lenkrad beugte. Als es Mittag wurde, setzte ein heftiger Regen ein, und meine Mutter verteilte Süßigkeiten an meinen Bruder Tommy und mich, in dem vergeblichen Versuch, uns abzulenken, damit wir Daddy, der sowieso schon kurz vorm Explodieren war, nicht noch mehr reizten.
    Die Süßigkeiten bestanden aus Pfefferminzbonbons, rosa und weiß gestreift wie große Murmeln, die uns so wirkungsvoll am Sprechen hinderten, daß wir sie ganz aus dem Mund nehmen mußten, um uns zu unterhalten. Als wir die erste Ansammlung von kleinen Läden und Häusern eines Dorfes erreichten, waren mein Gesicht und meine Hände klebrig vom Zucker und mein neues, gerüschtes Kleidchen fleckig und zerknittert.
    Ich weiß bis heute nicht genau, warum mein Vater den Wagen ausgerechnet an jener Stelle anhielt. Ich glaube mich an eine Katze zu erinnern, die vor uns über die Straße sprang, aber das kann auch die Einbildung eines phantasiebegabten und übermüdeten Kindes gewesen sein. Was auch immer der Grund war, das Auto blieb jedenfalls stehen, der Motor versagte, und in der darauffolgenden allgemeinen Verwirrung erhaschte ich durch den Regenschleier hindurch meinen ersten Blick auf das Haus.
    Es war ein recht gewöhnliches altes Bauernhaus, groß und verläßlich und massiv stand es etwas abseits von der Straße, geschützt von ein paar vereinzelten ungepflegten Bäumen. Sein dunkel glänzendes Schieferdach fiel in einem beunruhigend spitzen Winkel zu den verwitterten Wänden aus grauem Stein ab, wobei die triste Monotonie der Grautöne von zwei Schornsteinen aus roten Ziegeln und einer Vielzahl von großen Fenstern mit unterteilten Scheiben und frischgestrichenen weißen Rahmen durchbrochen wurde. Ich drückte gerade meine Nase gegen das kalte Glas des Autofensters, um besser sehen zu können, als mein Vater den Motor nach einer Reihe besonders schlimmer Flüche wieder zum Laufen brachte. Meine Mutter drehte sich sichtbar erleichtert um, um nach uns zu sehen.
    »Julia, laß das«, bat sie. »Du verschmierst die Fenster.«
    »Das ist mein Haus«, sagte ich wie zur Erklärung.
    Mein Bruder Tommy zeigte sofort auf ein viel größeres und imposanteres Gebäude, das in dem Augenblick in Sicht kam. »Dann ist das mein Haus«, konterte er triumphierend. Zum Entzücken meiner Eltern spielten wir das Spiel auf dem gesamten Nachhauseweg nach Oxford weiter, und das einsame graue Haus war vergessen.
    Ich sollte es siebzehn Jahre lang nicht wiedersehen.
    Diesen anderen Sommer, den Sommer, in dem ich zweiundzwanzig wurde, habe ich noch in lebhafter Erinnerung. Ich hatte gerade meinen Abschluß an der Kunsthochschule gemacht und allem Anschein nach die perfekte Stelle in einer kleinen Werbeagentur in London ergattert. Mein drei Jahre älterer Bruder Tom hatte kurz zuvor sein Studium in Oxford mit akademischen Ehren beendet und prompt die Familie durch die Ankündigung schockiert, dem anglikanischen Priesterstand beitreten zu wollen. Meine Familie war nicht besonders religiös, aber Tom behauptete scherzend, daß ihm mit seinem Namen schließlich keine andere Wahl geblieben sei. »Thomas Beckett! Was hast du denn erwartet, wenn du mich nach dem Erzbischof von Canterbury nennst?« neckte er meine Mutter.
    Um gebührend zu feiern, was wir als unser Mündigwerden ansahen, beschlossen Tom und ich, einen Kurzurlaub an der Südküste von Devon einzulegen, wo wir Eltern und Verantwortung vorübergehend vergessen und das ungewöhnlich warme und sonnige Wetter ausnutzen wollten, das gerade den Süden Englands

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