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Manhattan Blues

Manhattan Blues

Titel: Manhattan Blues
Autoren: Don Winslow
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Don
Winstow
     
    Manhattan Blues
     
    Roman
     
    Aus dem Amerikanischen von Hans-Joachim Maass
     
    Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel »Isle of Joy« bei
Dutton, New York.
     
     
    Gutes altes
Stockholm
    Freitag, 21. März 1958
     
    Walter Withers war bei der CIA nicht unglücklich. Ihm fehlte einfach
nur New York.
    Oder, wie er zu Morrison sagte, seinem künftigen Exkollegen bei
Scandamerican Import/Export: »Nicht, weil ich die Firma weniger liebe, sondern
weil ich Manhattan mehr liebe.«
    Walter glaubte nicht eine Sekunde, daß Morrison die Anspielung auf
Shakespeare verstehen oder den Aphorismus goutieren würde, doch das Vergnügen
an einem wohlformulierten Satz liegt letztlich nicht beim Hörer, sondern beim
Sprecher.
    Aber Walter wußte aus ihrer dreijährigen Zusammenarbeit, daß Morrison
für Vergnügen nicht wirklich zu haben war. Die Erdanziehungskraft schien sein
ohnehin schon langes Gesicht jede Woche noch ein wenig länger werden zu
lassen. Morrison, dachte Walter, hatte die Dunkelheit des schwedischen Winters
verinnerlicht und zu einem Teil seiner Seele gemacht. Zwar war Morrison mit dem
gleichen Eifer hinter den langbeinigen skandinavischen Frauen her wie alle
anderen, doch seinen Bemühungen haftete ein grundsätzlicher Pessimismus an.
    Dabei gelang es Morrison durchaus, Frauen ins Bett zu locken. Die
Laken hatten sogar kaum Zeit abzukühlen. Nein, das Problem lag ganz woanders:
Selbst wenn er seine Begleiterin schon auf der Treppe zu seiner Bude im zweiten
Stock hatte, unter dem durchsichtigen Vorwand, ihr seine Sammlung
amerikanischer Jazzplatten vorzuspielen, machte sich Morrison schon Sorgen. In
seiner Phantasie fuhr die junge Dame schon vor Tagesanbruch in einem Taxi weg
oder saß im Wartezimmer ihres Gynäkologen oder — das schauerlichste
aller seiner Wahngebilde - enthüllte ihrem sowjetischen Führungsoffizier seine
sexuelle Technik. Morrison stellte sich dabei einen schmierigen, krötenhaften
dicken Mann vor, der eine billige, stinkende sowjetische Zigarette nach der
anderen rauchte, während er sich mit einem schiefen Grinsen die Erzählungen von
Morrisons Tölpelhaftigkeit im Bett anhörte.
    Diese letzte Phantasie war so etwas wie eine sich selbst erfüllende
Prophezeiung geworden.
    »Immer noch besser, als beim Baseball die Punkte zu zählen«, hatte
Walter bemerkt, als Morrison ihm eines Abends in betrunkenem Zustand sein
Dilemma gestand.
    »Was meinst du damit?«
    »Also«, begann Walter und suchte nach Worten, »manche Männer — das
habe ich jedenfalls mal gehört — denken an Baseball, wenn sie versuchen, das...
Unvermeidliche hinauszuzögern. Deine... Bremse... ist ein imaginärer
KGB-Operateur, das ist alles.«
    »Das ist alles?« krächzte Morrison. Er legte den
Kopf auf den Tisch, schloß die Augen und stöhnte leise. »Außerdem ist es keine Bremse. Es läßt
mir total die Luft raus.«
    »Wenn das so ist«, sagte Walter, »machst du dir einfach zu viele
Gedanken.«
    Morrison schlug ein Auge auf, richtete es auf Walter und sagte
anklagend: »Es liegt an dem, was wir ihnen antun, nicht wahr?«
    Walter erkannte dies als rein rhetorische Frage. Er war im Dunstkreis
der Gemeinde der Geheimdienstleute Nordeuropas tatsächlich dafür berühmt, es ihnen
anzutun. Manchmal hatte es den Anschein, als hätte Walter der
Hurendompteur Withers für so gut wie jeden osteuropäischen
Konsulatsbeamten schöne Bettgefährtinnen besorgt, für jeden halbherzigen
Mitläufer und hartgesottenen sowjetischen Spion in Skandinavien. Walter führte
einen Rennstall ernster Schwedinnen, einfallsreicher Däninnen und
hingebungsvoller Norwegerinnen, die ihre Liebhaber aus den
Warschauer-Pakt-Staaten mit olympischer Sex-Gymnastik verwöhnten — zum
Vergnügen, für Geld und für Walters Mikrophone.
    In dem wundervoll freizügigen Schweden von 1958 besaß Walter Withers
eine erotische Bibliothek, die Kinsey vor Neid hätte smaragdgrün werden lassen.
Walter war zu sehr Gentleman, um den Schmeicheleien, dem Drängen und den Bestechungsangeboten
seiner Kollegen zu erliegen, die sich für einen pikanten Abend in den eigenen
vier Wänden einmal ein Tonband ausleihen wollten. Er lehnte es auch ab, eine
Freundin ins Büro zu schmuggeln, damit einer der Kollegen mithören konnte,
und wollte es nicht einmal zulassen, daß sich im Hinterzimmer ein paar Jungs
mit seiner Tonbandsammlung statt einer Stripperin vergnügten. Und Walter selbst
hatte viel zu viele von diesen verdammten Bändern gehört, um

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