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Maigret und die alte Dame

Maigret und die alte Dame

Titel: Maigret und die alte Dame
Autoren: Georges Simenon
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1
Die Herrin von La Bicoque
    Er stieg in Bréauté-Beuzeville mit seinem unfreundlichen Bahnhof aus dem Schnellzug Paris-Le Havre aus. Er war schon um fünf Uhr aufgestanden und hatte, da er kein Taxi bekommen hatte, mit der ersten Metro zum Bahnhof Saint-Lazare fahren müssen. Jetzt wartete er auf den Anschlusszug.
    »Der Zug nach Etretat bitte?«
    Es war schon nach acht Uhr morgens und seit langem hell, aber hier bei dem Nieselregen und der nasskalten Luft sah es aus, als dämmerte es gerade.
    Am Bahnhof gab es weder ein Restaurant noch eine Wirtschaft, nur eine Art Kneipe auf der Straßenseite gegenüber, vor der die Karren der Viehhändler standen.
    »Nach Etretat? Da haben Sie noch Zeit. Da hinten steht Ihr Zug.«
    Ganz am Ende des Bahnsteigs stand ein Zug ohne Lokomotive mit Wagen alter Bauart in einem Grün, das ihm ungewohnt vorkam. Hinter den Scheiben sah man einige Reisende sitzen, bewegungslos, als ob sie schon seit einem Tag hier warteten. Alles hatte etwas Unwirkliches an sich und erinnerte an ein Spielzeug, an eine Kinderzeichnung.
    Eine Familie - das konnten nur Pariser sein! - hetzte, was das Zeug hielt und ohne ersichtlichen Grund, über die Gleise und stürzte auf den Zug ohne Lokomotive los; die drei Kinder hielten Krabbennetze in den Händen.
    Dieser Anblick löste bei ihm Erinnerungen an früher aus. Für einen Augenblick vergaß Maigret sein Alter und meinte, obwohl er mindestens zwanzig Kilometer davon entfernt war, den Geruch des Meeres zu riechen und das gleichmäßige Rauschen der Wellen zu hören. Er schaute zum Himmel und betrachtete beinahe andächtig die Regenwolken, die vom offenen Meer kamen.
    Denn er war weit weg vom Meer im Landesinneren geboren und aufgewachsen, und daher verband sich mit dem Meer die Vorstellung von Krabbennetzen, einer Spielzeugeisenbahn, Männern in Flanellhosen, Sonnenschirmen am Strand, Muschel- und Andenkenverkäufern, Bistros, in denen man Weißwein trank und dazu Austern schlürfte, und Familienpensionen, die alle denselben Geruch hatten, einen unverwechselbaren Familienpensionengeruch, und in denen Madame Maigret sich nach einigen Tagen so unglücklich fühlte, weil sie nichts tun konnte, so dass sie am liebsten beim Geschirrspülen geholfen hätte.
    Obwohl er natürlich genau wusste, dass es nicht stimmte, hatte er jedes Mal, wenn er ans Meer kam, die Vorstellung, sich in einer künstlichen, unwirklichen Welt zu bewegen, in der nichts Schlimmes geschehen konnte.
    In seiner Laufbahn hatte er mehrmals Ermittlungen an der Küste angestellt und war dabei auf echte Tragödien gestoßen. Diesmal jedoch musste er, als er an der Theke der Kneipe seinen Calvados hinunterspülte, fast lächeln über die alte Dame namens Valentine und ihren Stiefsohn Besson.
    Es war im September, genau am Mittwoch, dem 6. September. Auch in diesem Jahr hatte er noch keinen Urlaub nehmen können. Tags zuvor war gegen elf Uhr der alte Amtsdiener in sein Büro am Quai des Orfèvres gekommen und hatte ihm eine schwarzumrandete Visitenkarte hingehalten.
    Madame Fernand Besson La Bicoque Etretat
    »Will sie mich persönlich sprechen?«
    »Sie besteht darauf, und sei es auch nur für einen Augenblick. Sie sagt, sie sei extra aus Etretat hergekommen.«
    »Wie ist sie?«
    »Sie ist eine alte Dame, eine reizende alte Dame.«
    Er ließ sie hereinkommen, und sie war tatsächlich die reizendste alte Dame, die man sich vorstellen konnte, klein und zierlich, mit rosigem Teint und feinen Gesichtszügen unter schlohweißen Haaren. In ihrer lebhaften und anmutigen Art wirkte sie eher wie eine Schauspielerin, die eine alte Gräfin spielte, als wie eine richtige alte Dame.
    »Sie kennen mich nicht, Herr Kommissar, umso mehr weiß ich es zu schätzen, dass Sie mich überhaupt empfangen, denn ich kenne Sie sehr gut, weil ich jahrelang Ihre spannenden Fälle mitverfolgt habe. Wenn Sie mich besuchen, wie ich hoffe, kann ich Ihnen stapelweise Zeitungsausschnitte zeigen, in denen von Ihnen die Rede ist.«
    »Sehr liebenswürdig.«
    »Mein Name ist Valentine Besson, ein Name, der Ihnen wahrscheinlich nichts sagt, aber vielleicht wissen Sie, wer ich bin, wenn ich dazusage, dass mein Mann, Fernand Besson, der Erfinder der Juva-Produkte war.«
    Maigret war alt genug, um sich an dieses Wort Juva erinnern zu können. Als Kind hatte er es im Anzeigenteil der Zeitungen und auf Reklamewänden gelesen; auch glaubte er sich zu entsinnen, dass seine Mutter Juva -Creme benutzte, wenn sie groß ausging. Die alte Dame ihm

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