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Maigret - 18 - Maigret in Nöten

Maigret - 18 - Maigret in Nöten

Titel: Maigret - 18 - Maigret in Nöten
Autoren: Georges Simenon
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1
    Wenn man eine Weile den Fischen im Wasser zuschaut und die Wasserschicht zwischen ihnen und uns jede Annäherung unmöglich macht, sieht man, dass sie über längere Zeit und ohne ersichtlichen Grund gänzlich reglos bleiben, bis sie plötzlich mit einem Zucken der Flossen ein wenig zur Seite gleiten, nur um dort erneut zu verharren.
    Ähnlich unbeirrt, und aus ähnlich unersichtlichem Grund, kam eine Straßenbahn der Linie 13 mit ihren gelblichen Scheinwerfern, die letzte »Bastille-Créteil«, den Quai des Carrières entlanggefahren. An einer Straßenecke, auf der Höhe einer der grünen Gaslaternen, sah es einen Moment so aus, als würde sie anhalten, aber der Schaffner klingelte, und der Wagen samt Anhänger fuhr unverzüglich in Richtung Charenton weiter.
    Zurück blieb der menschenleere Quai, unbewegt wie eine Unterwasserlandschaft. Rechter Hand lagen einige von Mondlicht beschienene Lastkähne auf dem Kanal. Durch ein unzulänglich geschlossenes Schleusentor sickerte ein dünner Wasserstrahl, aber sonst war alles still wie der Himmel, der sich stiller und unergründlicher als ein See über der Stadt wölbte.
    In zwei einander gegenüberliegenden Spelunken, Eckhäuser beide, brannte noch Licht. In der einen saßen fünf Männer schweigend und bedächtig beim Kartenspiel. Drei von ihnen trugen Matrosen- oder Lotsenmützen, und der Wirt hatte sich in Hemdsärmeln dazugesetzt.
    Im anderen Lokal wurde nicht gespielt. Hier waren es nur drei Männer. Sie saßen um einen Tisch und starrten ihre kleinen, mit Branntwein gefüllten Gläser an, als träumten sie. Das graue Licht hatte etwas Einschläferndes. Der Pächter, ein schwarzhaariger, schnauzbärtiger Mann mit einer blauen Strickjacke, gähnte jedes Mal, bevor er den Arm ausstreckte, um sein Glas zu ergreifen.
    Ihm saß ein Kleiner gegenüber, übersät mit dichten gelben Haarstoppeln, wie angefaultes Stroh. Er war traurig, vielleicht war er aber auch eingenickt oder einfach betrunken. Seine Augen waren wässrig-trüb, die Pupillen jedoch ganz klar, und von Zeit zu Zeit wiegte er seinen Kopf hin und her, als wollte er sich in seinem inneren Selbstgespräch selbst beipflichten, während sein Nachbar, auch einer vom Kanal, seinen Blick in die Nacht hinausschweifen ließ.
    Die Zeit verstrich lautlos, nicht einmal vom Ticken einer Uhr begleitet. Hinter der Spelunke schloss sich eine Reihe Holzbuden mit kleinen Vorgärten an; dort brannte indessen nirgends mehr Licht. Dann die Hausnummer 8, ein sechsstöckiges Gebäude, das ganz allein aufragte, alt und verrußt, wie es war, zu schmal für seine Höhe. Durch die Klappläden im ersten Stock drang etwas Licht. Im Stock darüber, wo es keine Fensterläden gab, zeichnete sich, von innen beleuchtet, das Rechteck eines naturfarbenen Rollos ab.
    Am Kanalufer gegenüber schließlich Haufen von Steinen, Sand, ein Kran, ein paar leere Kippkarren.
    Und doch lag leise Musik in der Luft; schwer zu sagen, woher sie kam. Von weiter hinten als der Hausnummer 8, von weiter unten auch, aus einer Holzbaracke, auf der das Wort ›Tanz‹ geschrieben stand.
    Aber es wurde nicht getanzt, und außer der dicken Chefin war überhaupt niemand da. Sie las Zeitung, und hin und wieder stand sie auf, um ein paar Groschen ins Pianola zu werfen.
    Irgendwann musste sich doch jemand rühren, oder es musste etwas geschehen. Es war der behaarte Kapitän in der Spelunke rechts, der sich endlich mühsam erhob, die leergetrunkenen Gläser anschaute, und während er bereits seine Tasche durchwühlte, den Betrag für sich im Kopf überschlug. Nachdem er Kleingeld abgezählt und auf die glatte Tischfläche gelegt hatte, tippte er den Rand seiner Mütze an und torkelte zur Tür, als gelte es, gegen den Wind anzugehen.
    Die beiden anderen sahen sich an. Der Wirt zwinkerte. Die Hand des Alten fuhr zweimal ins Leere, bevor sie die Klinke erwischte, dann drehte der Mann sich schwankend um, um die Tür hinter sich zu schließen.
    Seine Schritte waren so laut, als ginge er auf hohlem Pflaster, und alles andere als gleichmäßig. Drei oder vier folgten aufeinander, dann hielt er an, unschlüssig oder mit dem Gleichgewicht kämpfend. Beim Kanal angekommen, knallte er gegen die Brüstung, die widerhallte, und erreichte schließlich die steinerne Treppe, die zur Verladerampe hinunterführt.
    Das Mondlicht ließ die Umrisse der Schiffe hervortreten. Man konnte ihre Namen lesen wie am helllichten Tag. Das vorderste Schiff, mit der Rampe durch einen Steg verbunden, trug

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