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Magnus Jonson 01 - Fluch

Titel: Magnus Jonson 01 - Fluch
Autoren: Michael Ridpath
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Professor Agnar Haraldsson faltete den Brief zusammen und schob ihn zurück in den kleinen vergilbten Umschlag.
    Er warf einen letzten Blick auf die in altertümlicher, schmuckvoller Schrift verfasste Adresse: Högni Ísildarson, Laugavegur 64, Reykjavík, Island. Die Briefmarke trug das Profil eines bartlosen britischen Königs, irgendein Edward oder George, Agnar wusste es nicht genau.
    Sein Herz pochte, der Umschlag zitterte in seiner Hand. Der Brief war am Morgen eingetroffenen, versteckt in einem größeren Umschlag mit einer modernen isländischen Briefmarke und einem Poststempel aus Reykjavík.
    Er überstieg Agnars kühnste Hoffnungen. Nein, mehr noch: Er war perfekt.
    Als Professor für Isländisch an der Universität Island hatte Agnar das Privileg, an den ältesten Saga-Handschriften seiner Heimat forschen zu können, die mit unendlicher Sorgfalt von Mönchen auf Kalbsleder kopiert worden waren. Als Tinte verwendeten sie den Saft schwarzer Bärentrauben und als Schreibwerkzeug Federn aus dem linken Flügel eines Schwans. Diese prächtigen Dokumente waren Islands Vermächtnis, Islands Seele. Doch keines würde jemals so großes Aufsehen in der Welt erregen wie dieses eine Blatt Papier, das er in der Hand hielt.
    Auch wenn Agnar es nicht selbst entdeckt hatte.
    Er schaute von seinem Schreibtisch auf, blickte über den ruhigen See vor seinem Fenster. In der Aprilsonne funkelte er in einem außergewöhnlichen Dunkelblau. Zehn Minuten zuvor hatte er stahlgrau geglitzert und würde es auch bald wieder tun, denn vonWesten her jagten düstere Wolken über die schneebedeckten Berge östlich des Sees.
    Ein perfekter Ort für ein Ferienhaus. Agnars Vater hatte es gebaut, ein ehemaliger Politiker, der jetzt in einem Altersheim lebte. Obwohl es bis zum Sommer noch ein wenig dauerte, war Agnar übers Wochenende ins Ferienhaus geflüchtet, um dort ungestört arbeiten zu können. Seine Frau hatte vor kurzem ihr zweites Kind zur Welt gebracht, und Agnar musste eine umfangreiche Übersetzung zu einem knapp gesetzten Termin fertigstellen.
    »Aggi, komm wieder ins Bett!«
    Er drehte sich zu der atemberaubend gutgebauten Andrea um, Balletttänzerin und Studentin im fünften Semester, die über den blanken Holzboden auf ihn zukam, nackt, das blonde Haar zerzaust.
    »Tut mir leid, mein Engel, das geht jetzt nicht«, sagte Agnar und wies mit dem Kinn auf den Stapel Papier vor sich.
    »Wirklich nicht?« Andrea beugte sich vor und küsste ihn, fuhr mit den Fingern unter sein Hemd und spielte mit den Haaren auf seiner Brust. Ihre Mähne kitzelte ihn an der Nase. Dann löste sich Andrea von ihm. »Bist du dir ganz sicher?«
    Agnar grinste und setzte die Brille ab.
    Nun, eine kleine Ablenkung würde er sich leisten können.

Auf dem Weg zu seinem Wagen ging Sergeant Detective Magnus Jonson durch eine Wohnstraße in Roxbury. Er hatte noch eine Menge Schreibarbeit auf der Dienststelle zu erledigen, ehe er Feierabend machen konnte. Dabei war er müde, hundemüde: Seit einer Woche hatte Magnus nicht mehr richtig geschlafen. Vielleicht war das der Grund, warum der Geruch ihn so umgehauen hatte.
    Er war ihm durchaus vertraut, dieser Gestank wie von rohem Rindfleisch eine Woche über dem Mindesthaltbarkeitsdatum, diese kräftige metallische Note. In seiner Zeit bei der Mordkommission der Bostoner Polizei hatte Magnus ihn viele Male gerochen.
    Maria Campanelli, weiß, siebenundzwanzig Jahre.
    Sie war seit sechsunddreißig Stunden tot, nach einem Streit von ihrem Freund erstochen. Die Polizei fahndete nach ihm, und Magnus war zuversichtlich, dass der Täter bald gefunden würde. Aber damit er auch verurteilt werden konnte, musste die Polizei sicherstellen, dass die Akten hundertprozentig in Ordnung waren. Dutzende Personen mussten befragt, zahllose Formulare ausgefüllt werden. Vor einigen Jahren hatte eine Pannenserie in der Beweiskette einen Skandal im Dezernat ausgelöst – falsch abgelegte Dokumente, nicht mehr auffindbare Asservate. Seitdem stürzten sich die Strafverteidiger auf jeden noch so kleinen Fehler.
    Der Papierkram ging Magnus leicht von der Hand, einer der Gründe, weshalb er vor kurzem zum Sergeant befördert worden war. Vielleicht hatte Colby recht, und er sollte wirklich Jura studieren.
    Colby.
    Seit er vor einem Jahr mit ihr zusammengezogen war, hatte siezunehmend Druck auf ihn ausgeübt: Warum er nicht die Mordkommission verlasse und Jura studiere, warum er sie nicht heirate. Vor sechs Tagen dann waren sie Arm in Arm von

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