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Magna Mater - Roman

Magna Mater - Roman

Titel: Magna Mater - Roman
Autoren: C. Bertelsmann
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1. KAPITEL
    V on allen Inseln waren sie herbeigerudert. Nun drängten sie sich fröstelnd auf dem Platz vor der großen Halle. Ihr Kopfschmuck leuchtete im ersten Morgenrot wie Flamingogefieder. Langsam, viel zu langsam erhob sich der Feuerball der Sonne aus dem noch nachtschwarzen Meer. Ein atemberaubendes Schauspiel, das aber niemand zu beachten schien. Alle Blicke waren auf die Große Halle gerichtet. Als sich dort endlich wie von Geisterhand das doppelflügelige Tor öffnete, wurde es so still, dass man das Fallen eines Blattes vernommen hätte.
    Selbst das Meer schien im Wellenschlag innezuhalten. In dem dunklen Schlund des aufgesperrten Portals erstrahlte im ersten Licht der Sonne die goldene Maske. Ein Schrei aus tausend Kehlen stieg zum Himmel. Trommeln wurden geschlagen. Die Menge begann in die Hände zu klatschen, zu tanzen und zu singen. Unbeschreiblicher Jubel hatte die Menschen ergriffen. Seeland hatte eine neue Magna Mater.
    Ich stand oben auf der steinernen Treppe vor dem Portal und blickte auf die Maske, die jeder kennt und doch kaum einer kennt. Mir ist sie so vertraut, als wäre sie ein Teil von mir, denn sie ist ein Teil von mir, nicht die Maske, sondern der Mensch, der sie trägt, aber das ist dasselbe. Maske und Träger verschmelzen zu einem Wesen, zu einem über allem stehenden ES.
    Ein Anblick, der mich traf, der mich betraf, der mich betroffen machte. Es gibt ein Wissen, von dem keiner weiß und das doch jeder kennt.
    Wie lauten die Worte der Weihe:
    Vom Unwirklichen führe uns zum Wirklichen,
    vom Ufer jenseits der Finsternis zur Vernunft.
    Unbeschreiblicher Schauer ergriff mich, als ich die Maske zum allerersten Mal erblickte.
    Ich war noch ein Kind, nein, ich war kein Kind mehr, denn ich hatte nur wenige Tage zuvor meine Tage bekommen. In klebriger Nässe war ich morgens aufgewacht. Blut, überall war Blut. Ich sprang aus dem Bett, rief nach Mater Metula, fand sie im Garten und warf mich weinend in ihre Arme. »Ich muss sterben. Ich verblute.«
    Sie streichelte meine Wange. »Du wirst nicht sterben. Dein Leben hat soeben erst richtig begonnen. Jetzt bist du eine von uns.«
    Beim nächsten Mondwechsel wurde ich in der Großen Halle feierlich gesalbt.
    Alle Ordensfrauen waren damals anwesend, als die Tür zu den Räumen, die keiner betreten darf, sich öffnete und die Magna Mater zu uns in den Saal trat. Ihr Blick aus nachtschwarzen Augen hinter den Sehschlitzen der Maske betastete mich prüfend. Ich erstarrte wie eine Maus beim Anblick der Schlange. Als ich auf die Knie fiel, schlug mir das Herz bis zum Hals. Geblendet vom Glanz unzähliger Kerzen, spürte ich, wie ich entkleidet wurde. Hände legten sich auf meinen Leib, salbten Brust, Bauch und Rücken. Warmes Öl wurde auf meiner Haut verrieben. Der stechende Geruch von Teufelskralle, Bilsenkraut und Schierling verwirrte meine Sinne. Eine Ordensfrau betupfte meinen Schoß mit einem weichen Tuch und hob es für alle sichtbar hoch in die Luft. Blut auf weißem Grund.
    Feierlich klangen die Worte durch die Halle:
    »Sehet, das ist das Blut, das vergossen wird zur Bewahrung des ewig blühenden Lebens für alle.«
    Die Schwestern sangen den Choral Luz del Abyss, Licht über dem Abgrund.
    Nun war ich eine von ihnen. Welch ein unbeschreibliches Erlebnis!
    »Warum verbirgt die Magna Mater ihr Gesicht hinter einer Maske?«, wollte ich von Mater Metula wissen.
    »Die Magna Mater hat kein Gesicht.«
    »Kein Gesicht?«, rief ich erschrocken.
    »So ist es.«
    »Wie kann das sein?«
    »Es muss so sein.«
    Und dann erklärte sie mir: »Das Gesicht eines Menschen ist der wohl ausdrucksstärkste und geheimnisvollste Teil unseres Körpers. Hier sind nicht nur unsere fünf Sinne untergebracht, hier offenbart sich unsere Persönlichkeit. Wir erkennen und beurteilen andere nach ihrem Gesicht. Und das zeigt uns immer einen ganz bestimmten Menschen. Die Magna Mater aber verkörpert uns alle. Sie ist die spirituelle Mitte unseres Lebens. Es ist ganz und gar unwichtig, wie sie ausschaut, ob sie eine große Nase hat oder eine kleine, ob ihre Haut glatt ist oder welk, weiß oder schwarz. Wenn sie abtritt, wird eine andere ihr Amt übernehmen, ohne dass sich ihre Erscheinung ändert. Die Maske verleiht der Magna Mater Unsterblichkeit. Allein die Augen offenbaren ihre Individualität, denn die Augen sind das Fenster der Seele.«
    Noch lange nach meiner Weihe verfolgten mich die Augen hinter den Sehschlitzen der Maske, Angst einflößend, abschreckend und stumm, denn

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