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Magdalenas Garten

Titel: Magdalenas Garten
Autoren: Stefanie Gerstenberger
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1
    P lötzlich meinte sie, das Meer rauschen zu hören. Wellen, die sich brachen, vielleicht ein paar Kiesel, die mitgekollert wurden. Doch das konnte eigentlich nicht sein, das Meer lag irgendwo hinter dem Restaurant, zu weit weg, um gehört zu werden. Auf dem Schild über der Tür stand »Alla mezza Fortuna« . Magdalena schnaubte. »Zum halben Glück«, wer hatte sich bloß diesen Namen ausgedacht?
    Sie würde da jetzt hineingehen. Kurz schauen und wieder raus, dann wäre auch dieser Ort erledigt, abgehakt. Für das Meer blieb keine Zeit.
    Gegenüber, vor der Bar La Pinta , standen einige der Rentner in der Sonne und lachten über irgendeinen Scherz von Stefan, ihrem Busfahrer. Die Dame, die ihre bunte Strickjacke nie auszog, hatte zwei Flaschen Olivenöl im Arm, den Rest ihrer Einkäufe aus dem Feinkostladen schleppte ihr Mann. Magdalena erkannte die Tüten mit gefärbter Pasta, eine grellgelbe Limoncinoflasche und zwei der typischen Früchtekuchen der Insel mit den leuchtend rosa Kirschen.
    Â»Also, die Toiletten kann ich nur empfehlen«, sagte Resi im Vorübergehen und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr, »in zehn Minuten geht’s weiter.« Magdalena schaute ihr nach. Die Toiletten, immer ging es um die Toiletten. Wie viel Zeit hatte man, um sie zu benutzen, waren sie sauber, gab es
Wasser, gab es Seife? Mittlerweile hatten alle aus der Gruppe gelernt, den Wasserhahn mit einem Pedal in Gang zu setzen.
    Magdalena lächelte und winkte über die Straße. Nur noch schnell in das »Halbe Glück« hier, in dem sie auch nichts finden würde. Egal, morgen ging es auf die Tagestour nach Lucca und Pisa. In Pisa sollte es ein Restaurant geben, das vielleicht infrage kam, der Portier des Hotels in Forte dei Marmi meinte sich zu erinnern, er hatte zuversichtlich genickt, bevor er versuchte, sich mit ihr zu verabreden. Pisa. Pisa. Pisa. Sie konnte es kaum erwarten, wieder von Elba herunterzukommen. Persönliche Belange vor den Gästen zurückstellen und immer freundlich bleiben, dachte sie, die sehen mir nichts an, die sind viel zu sehr damit beschäftigt, zu fotografieren und die Souvenirshops leer zu kaufen. Der Herr ohne Begleitung richtete das Objektiv seiner Kamera auf sie, er kam aus Rheine und hatte sich über sein Einzelzimmer beschwert, es war ihm nicht »modern« genug. Sie hatte viel gelächelt und ihm etwas von Flair, Seele, Ambiente und Authentizität erzählt. Unsere »Perlen der Toskana-Reise« im Mai.
    Magdalenas Augen glitten noch einmal über die Fassade des Restaurants. Was für ein seltsamer Name, zum halben Glück. Aber warum eigentlich? Gab es denn das ganze, vollständige Glück überhaupt? Magdalena zuckte die Achseln, sie musste da jetzt reingehen. Sie drückte die Tür auf und warf einen flüchtigen Blick in die Runde, und mit einem Mal begann ihr Herz so stark zu hämmern, dass sie dachte, man müsse es sehen können. Wieso ausgerechnet hier? Aber es gab keinen Zweifel, sogar die Wandfarbe war dieselbe. Sie ging zwischen den besetzten Tischen hindurch, machte die letzten Schritte auf die Wand zu und strich mit den Fingerspitzen darüber. Unglaublich, es war bestimmt noch immer derselbe Anstrich, nach so langer Zeit. Er roch wahrscheinlich sogar noch wie früher. Langsam beugte
sie den Kopf vor, aus den Augenwinkeln sah sie, dass der Wirt herüberguckte. Sie zog Hand und Nase zurück und holte mit zitternden Fingern das Foto aus ihrer Handtasche. Zwei Jahre lang hatte sie von diesem Augenblick geträumt, hatte für ihn in stickigen Unterrichtsräumen Italienisch gelernt und sich freiwillig in diese Fantasieuniform stecken lassen, doch jetzt, als der Moment wirklich da war, fühlte er sich ganz anders an, als er sollte.
    Sie hatte plötzlich Angst. Verdammte Angst. Sie ging einige Meter zurück, schaute auf das Foto in ihrer Hand und wieder auf die Wand, dann rutschte sie mit den Füßen zehn Zentimeter nach links. Hier musste es gewesen sein, genau an dieser Stelle hatten die beiden sich vor 31 Jahren fotografieren lassen. Die Büste, die der Künstler mit wenigen dunkelbraunen Strichen auf die Wand geworfen hatte, war nicht besonders gut getroffen. Napoleon hatte keinen Hals, und seine linke Hand erinnerte an den unteren Teil eines Tintenfischs, der sich gerade im Ärmel des Waffenrocks versteckte. Die Säule, auf der er thronte, war zu kurz

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