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Märchenmord

Märchenmord

Titel: Märchenmord
Autoren: Krystyna Kuhn
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Prolog
    Ich weiß nicht mehr, ob es gute Geister oder böse Dschinns waren, die mir zur Flucht verholfen haben. Das entscheidet allein Allah, hätte meine Mutter gesagt. Doch sie ist tot. Wie immer, wenn ich an sie denke, küsse ich dreimal das Amulett. »Es soll dich immer beschützen, Najah.« Das waren ihre letzten Worte. Schnell drei Sprüche aus dem Koran, denn wie sagt Pauline? »Man weiß nie, wofür was gut ist.« Dass ich in letzter Sekunde Karim und Onkel Ahmed entkommen bin, habe ich nur ihr zu verdanken. Als sie die beiden vor der Schule sah, hat sie mich kurzerhand im Biologiesaal im Schrank mit den ausgestopften Tieren versteckt. Dann brachte sie mich am Abend in diese Wohnung. Nein! Dieser Albtraum – er wird nie enden! Niemals! Karim und Onkel Ahmed werden nie aufhören, nach mir zu suchen. Und wenn sie mich gefunden haben, werden sie mich töten. Unten fällt die Haustür krachend ins Schloss. Schritte eilen die Treppe hoch. Ist sie das? Pauline? Ich muss mit ihr sprechen. Heute noch. Julien darf in keinem Fall nach Paris kommen. Nein! Sie ist es nicht. Pauline ist leise.
    Sie huscht die Treppen hoch wie eine Maus. Die Schritte verebben. Ein Schlüsselbund klappert. Eine Tür schlägt zu. Es wird wieder ruhig im Treppenhaus. Jetzt sind nur noch die beiden Kinder oben in der Wohnung zu hören. Sie rennen hin und her. Hin und her. Die Stille macht Angst und das Getrampel über meinem Kopf macht Angst. Vor. Zurück. Vor. Zurück. Ich lausche wie nachts in der Wüste, wenn man auf jedes Geräusch hört, wenn die Welt leer wird und kalt, wenn die Stille laut aufheult mit den Schakalen, die um das Feuer schleichen und jaulen vor Ungeduld. Ja, Karim wird mich töten. Deshalb hat Pauline gesagt, dass ich mich nicht rühren soll. Ich soll kein Wasser laufen lassen und allenfalls einmal am Tag die Toilettenspülung benutzen. Ich soll das Licht nicht anschalten. Ich soll die Fensterläden nicht bewegen. Ich soll nicht einmal zum Fenster hinausschauen. Keiner darf von dem Versteck wissen. Niemand darf ahnen, dass ich hier bin. Für die Kinder dort oben existiere ich nicht, die Leute dort unten auf der Straße wissen nichts von mir. Allah, ich habe furchtbaren Durst. Der Kanister ist nur noch am Boden mit Wasser bedeckt. Nur nichts verschütten. Und ich sterbe vor Hunger. »Da sitzt ein Dschinn in deinem Bauch, der etwas zu essen will«, hat meine Mutter immer gelacht, wenn mein Magen knurrte, und mir süße Dattelbällchen in den Mund gesteckt. Das Fladenbrot aber ist inzwischen so hart, dass ich Angst habe, mir einen Zahn auszubeißen. Wo bleibt nur Pauline? Habe ich mich im Tag geirrt? Sonntag? Montag? Dienstag? Seit zwei Wochen gibt es keine Zeit mehr für mich. Keine Sekunden, keine Minuten, keine Stunden, nur der Moment, wenn die Sonne hinter den Fensterscheiben auf-und untergeht. Nur Tag und Nacht. Der einzige Trost sind Juliens Briefe. Ich habe sie zur Sicherheit unter einer losen Holzdiele im Flur versteckt. Immer wieder hole ich sie hervor, um sie zu lesen. Werde ich ihn wiedersehen? Ich kann mich nicht beherrschen, gehe zum Fenster und spähe am Rahmen vorbei auf die Straße. Wo bleibt nur Pauline? Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht der Junge, der den Leuten die Schuhe putzt. Ich beobachte ihn, wie er wild gestikulierend mit den Kunden spricht, die in seinem Stuhl sitzen. Wie er vor ihnen kniet und mit der Bürste über ihre dreckigen Schuhe fährt. Alles wie immer. Monsieur Saïd räumt die Melonen in den Laden. Allah, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Wie gerne würde ich wieder einmal in eine gelbe, saftige Honigmelone beißen. Vielleicht kann Pauline noch nicht von zu Hause weg? Vielleicht muss sie ihrer Mutter helfen? Jetzt hält vor dem Haus gegenüber ein Taxi. Eine Frau in einem kurzen schwarz-weiß gepunkteten Kleid steigt aus. Mit unverhüllten Beinen. Sie sieht aus wie ein Dalmatiner. Kurz darauf ein Mädchen. Dreizehn oder vierzehn Jahre. Nicht viel jünger als ich. Ihre Haut ist wie Milch und ihre Haare so hell, dass sie in der Sonne zu Licht werden. Sie trägt einen kurzen dunkelgrauen Rock, der von einem breiten Nietengürtel gehalten wird, ein weißes Top und schwarze Strumpfhosen. Dazu ein paar wunderschöne Chucks. In der Hand hält sie einen Rucksack, der mit unzähligen Aufnähern verziert ist. Auf Zehenspitzen gehe ich zurück in den Raum, kauere mich in eine Ecke und warte.
    *
    Schwül und drückend ist es im Zimmer. Zum Ersticken. Wie in einem Sandsturm, kann

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