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Märchen von den Hügeln

Titel: Märchen von den Hügeln
Autoren: Waltraut Lewin & Miriam Magraf
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es unleidlich war, wenn im Innern der Erde gewühlt und das Unterste zuoberst gekehrt wurde. Er entsann sich seiner Kräfte und beschwor sie, um in kürzester Zeit auf seiner Seite der Hügel eine zweite Bahn zu errichten, die den Erfindungen Darennas spottete: denn wie von Geisterhand gezogen, schwebten seine Wagen an einem Gerüst frei über dem Boden dahin, lautlos, sanft und hoheitsvoll wie große Vögel in langsamem Gleiten, und von der Höhe des Berges gewann man einen Blick, der die Brust frei machte von Sorgen und das Herz erfreute. Es war die letzte große Herausforderung Klingers an die Exzellenz gewesen, von diesem weder vergessen noch verziehen.
    Zu dem Ausblick lief jetzt Leontine, um sich zum Grund hinabtragen zu lassen, aber sie hatte vergessen, daß die Bahn zu so später Stunde nicht mehr fuhr. Es fiel ihr erst ein, als sie die Station still und dunkel daliegen sah. Sie trat an die Brüstung und warf einen Blick auf die lichterfunkelnde Stadt, dann wandte sie sich neugierig den großen Fenstern zu, hinter denen sich das Laufwerk der Maschinen befinden mußte. Aber sosehr sie auch die Nase an die Scheiben drückte, sie konnte nichts erkennen als große Baumkronen, die sich im Wind bewegten, und war nicht gewiß, ob es die Dinge darinnen waren, die sie sah, oder ob sich das Außen spiegelte.
    Ich werde hinunterlaufen, dachte sie, und auf einem der Pfade, die ich noch nie beschritten habe, jene, die er mir nannte und die keines Menschen Fuß betrat, seit es diese Gefährte gibt. Während sie sich umwandte, regte sich etwas neben ihr, was sie bisher für einen Haufen Steine, mit einer Plane bedeckt, angesehen hatte. Das Wesen reckte und streckte sich im Sternenlicht, zeigte Tatzen, Schweif und Mähne und wurde zu einem schwarzen Löwen, der grollend die Lefzen hob.
    »Fast hättest du mich erschreckt«, sagte Leontine vorwurfsvoll. »Hat dich jemand ausgeschickt, um etwas zu verhindern? Ich tue sowieso, was mir gefällt. Und nun geh beiseite, Onkelchen, und

    schlaf schön, es ist spät.« Mit diesen Worten griff sie in die Mähne des mächtigen Tiers und schob und zog es von ihrem Weg, als sei es ein Hündchen. Hinter ihr röhrte es in die Nacht.
    Der Pfad, der sie abwärts führen sollte, war fast zugewachsen, sie fand zunächst nicht den Eingang im Fliedergebüsch, aber dann sah sie ein verwittertes Schild, es trug in blaß leuchtenden Buchstaben die Aufschrift: Venusweg. Steil ging der schmale, gepflasterte Steig nach unten. Die Wasser rauschten lauter, und aus der Dunkelheit erhob sich ein kalter Windstoß, der die Wipfel der Bäume tief herabbog. Das Mädchen schauerte und sagte: »Vielleicht hatte Onkel Leo recht mit seiner Warnung?« Aber dann schritt sie vorwärts, obgleich ihr Fuß nicht wußte, was er ertastete, und alsbald wurde ihr das Vertrauen gelohnt; es wurde heller, der Wind ließ nach, sanfte Wärme und Geborgenheit umfingen sie, und ihr war, als raune die beschwörende Stimme, die sie so gut kannte, dicht neben ihren Ohren Liebeslieder.
    Wie auf Flügeln lief Leontine abwärts, es trug sie, und so zwischen Verweilenwollen und Entfliehenmüssen war sie ganz selig und ganz wehmutsvoll.
    Der Gang wollte kein Ende nehmen, und wer weiß, ob nicht ihr Wunsch diesen Weg ins Endlose gedehnt hätte, wäre nicht auf einmal ein anderer Klang zu ihr gedrungen. Tiefer unten spielte jemand Klavier. Es war jene Sonate, die sie von ihrer Mutter kannte. Blaß lief sie dem Ausgang zu.

Von mancherlei Verwandlungen
    »Was sagen Sie da?« rief Klinger, sprang auf, beherrschte sich aber sofort wieder und nahm seinen Sessel ein.
    »Wenn Sie das gewußt hätten«, mutmaßte Darenna boshaft, »hätten Sie wohl nicht so leichtsinnig mit dem Versprechen herumgeschmissen, meinen Anordnungen zu folgen, wie?« Der andere würdigte diesen Ausfall keiner Entgegnung und schloß scheinbar gelangweilt die Augen. »Nun denn«, sagte die Exzellenz mit einem Anflug ironischer Liebenswürdigkeit, »ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen, mein Teuerster, als Sie’s verdienen. Die reine Wahrheit ist jedenfalls, daß mir das Mädchen in der Nacht des großes Brandes, als Feuer vom Himmel auf die Stadt fiel, geschenkt wurde.«
    »Erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen Glauben schenke«, unterbrach Klinger ihn, »wenn Ihre Erfindungen so plump ausfallen. Möglich, daß ich nicht rechnen kann, aber wir hatten uns gerade darauf geeinigt, daß Leontine siebzehn Jahre ist. Sogar ich weiß, daß die Nacht des großen

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