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Märchen von den Hügeln

Titel: Märchen von den Hügeln
Autoren: Waltraut Lewin & Miriam Magraf
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Seine Exzellenz empfängt Besuch
    An einem Septemberabend, so zwischen Sommer und Herbst, stand ein alter Mann in seinem Garten und verbrannte das erste welke Laub, denn der Sommer war sehr heiß gewesen, und die Blätter begannen früh zu fallen. Damit ihm das Feuer fein groß geraten sollte, schleifte er dürre Zweige vom Vorjahr herbei, die in einem Winkel lagen, raufte getrocknetes Gras aus und tat es dazu, und schließlich holte er noch einen Armvoll des aufgeschichteten Buchenholzes, das für den Kamin bereitlag. Dann griff er verstohlen in seine Hosentasche, und nachdem er sich umgesehen hatte, ob er auch unbeobachtet sei, sprengte er aus einem glitzernden Fläschchen ein paar Tropfen in die Flammen. Sofort loderte es hoch auf, ja, die Feuerzungen nahmen die schönsten Farben an und schimmerten abwechselnd grün, rosa und blau.
    Der alte Mann stützte sich zufrieden auf den Rechen, mit dem er das Laub geharkt hatte, und betrachtete sein Werk. In der beginnenden Dämmerung leuchteten die Flammen und wetteiferten mit der Abendröte am Horizont.
    »Ist es gestattet, näher zu kommen«, fragte eine weiche, wohltönende Stimme. »Wie ich sehe, sind Exzellenz ganz in Ihrem Element.«
    Aus den tiefen Schatten der Rhododendren löste sich eine hohe Gestalt und trat lautlos an den Alten heran, der nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte.
    »Ich dachte wahrhaftig, wenigstens auf meinem eigenen Grund und Boden wäre ich sicher«, erwiderte er, ohne den anderen anzusehen. Neben der klangvollen Sprache des Ankömmlings war die seine merkwürdig knarrend und quäkend.
    Der andere lachte. »Ja, der Maßnahmen sind ja genügend! Die Warnschilder überall, diese geheimnisvollen Türen, die sich von selbst öffnen und schließen, diese argwöhnischen dürren Wächter mit den Hunden, die das Terrain umkreisen, die hohen Mauern, die abweisenden Zäune, gekrönt mit Zacken und Spitzen! Immerhin kenne ich denn doch noch andere Pfade als jene, die Sie mir versperrten.«
    »Da Sie hier sind, scheinen meine Maßnahmen mangelhaft zu sein«, bemerkte der alte Mann und streifte den Besucher mit einem kurzen Blick, der unter den buschigen Brauen wie ein Blitz hervorschoß. Der Ankömmling war merkwürdig anzuschauen. Im Vergleich zu dem kleinen Alten wirkte er groß und hoheitsvoll. Von Kopf bis Fuß hüllte ihn ein dunkler Mantel ein, der wohl bewirkt hatte, daß er erst so spät sichtbar wurde zwischen den Rhododendronbüschen. Um seinen Kopf schlang sich eine Art Kranz aus Zweigen, der durch die strahlenförmig abstehenden Blätter fast wie eine Krone erschien.
    Der Alte warf einen zweiten Blick.
    »In voller Montur, Herr Klinger, wie ich sehe«, quäkte er. »Was verschafft mir also die Ehre Ihres Besuchs?«
    Wie er sich da auf seinen Rechen lehnte und zu dem anderen aufschaute, klein, in seiner grauen Strickjacke, die sich knapp um den runden Bauch spannte, und mit rötlichem Schädel, der von einem Ring strubbligen weißen Haars umgeben war, sah er recht schäbig aus.
    »Exzellenz Darenna, Herr Feuersalamander und Hoher Magier«, sagte Klinger feierlich und beugte das Knie, »ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter Leontine.«
    Um die beiden breitete sich das Dunkel der schnell anwachsenden Nacht aus. Nur der Horizont war noch immer rosenhell.

Magier und Elbenfürst
    Zu den Zeiten, als die Erstgeborenen der Schöpfung, die Elben, noch freundlichen Umgang mit den Menschen pflegten und unter ihnen umhergingen, wählten sie sich als eine ihrer bevorzugten Wohnstätten die Hügel oberhalb des von ihnen geliebten Stroms, der ihren Namen führt. Die Menschenkinder nahmen sie freundlich auf, denn das Schöne Volk, wie die Elben auch genannt werden, liebte nicht nur den Wein und die Lieder, sondern verstand es auch, die Willigen zu lehren, wie man Reben anbaut und keltert, Instrumente fabriziert und sie kunstreich spielt. Zudem war, wo die Elben hausten, Licht und Heiterkeit, die Natur freundlich, Mißernten, böser Wuchs, Seuchen und Krankheiten fern. Gemeinsam legten beide Völker Weinberge und Gärten an, bahnten liebliche Pfade zwischen den Hügeln, auf daß ein anmutiges Hin und Her zwischen den Wohnungen der Sterblichen und der Erstgeborenen herrsche, und sangen von früh bis spät.
    Als sich aber die Menschen um des Besitzes willen zu entzweien begannen, als sie die Waffen gegeneinander erhoben, als der Strom schwarz wurde und die Luft unrein, zogen viele des Schönen Volkes, wie man weiß, fort in das Land hinterm Meer, wo sie

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