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Lustvolles Erwachen

Lustvolles Erwachen

Titel: Lustvolles Erwachen
Autoren: Eileen Dreyer
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Prolog
    Paris, September 1815
    Im Zimmer stank es nach Whisky, Schweiß und Verzweiflung. Im obersten Stockwerk eines heruntergekommenen Hotels gelegen, zeigte die Suite noch immer Anzeichen des Glanzes vergangener Zeiten. Die eingerissene Tapete war golddurchwirkt. Die schäbigen Möbel offenbarten elegante Linien, und die Fenster, die zu schmutzig waren, um hindurchblicken zu können, waren drei Meter hoch. Die Eleganz hatte sich im Laufe der Zeit abgenutzt, und der derzeitige Bewohner hatte den Rest erledigt. Essensreste und Flaschen türmten sich auf jeder verfügbaren Oberfläche. Schmutzige Kleidung war auf dem Boden verteilt. Ein Tisch lag zertrümmert vor der Tür, und Rotwein tropfte von der Wand.
    Bertie Evenham, der für das Durcheinander verantwortlich war, wippte nervös auf den Fußballen, als würde er auf mögliche Verfolger lauschen. Die Haare aschblond, hatte er aristokratische Züge, große blaue Augen und eine Hakennase, die noch nicht zu ihm zu passen schien. Sein Haar war ungewaschen und ungekämmt, seine Kleidung verschmutzt, und seine Hände zitterten. Ungeduldig huschte sein Blick zwischen seinem Gast und der Tür hin und her.
    Ihm gegenüber hatte Diccan Hilliard es sich auf einem zerschlissenen Sessel mit blauem Brokatbezug bequem gemacht. Die Beine hatte er lässig übereinandergeschlagen. In der linken Hand hielt er sein Monokel, das leicht pendelte. Diccan musste sich zusammenreißen, um still sitzen zu bleiben. Er hasste Beichten, und Bertie schien sich gerade veranlasst zu sehen, ein Bekenntnis abzulegen. Erpicht darauf zu scheinen, hier so schnell wie möglich verschwinden zu wollen, wäre allerdings schlecht: Bertie hatte wichtige Informationen, die er mitteilen wollte. Und außerdem hatte er eine Waffe auf Diccans Kopf gerichtet.
    »Aber warum sollte ich Ihnen glauben, alter Freund?«, fragte Diccan den blassen, ungewaschenen Jungen. »Sie müssen zugeben, dass es sich ein wenig abwegig anhört. Eine Gruppe von britischen Adligen, die versucht, den eigenen König zu stürzen …«
    Bertie rieb sich mit der freien Hand über das Gesicht. »Verstehen Sie denn nicht? Sie sind in Gefahr. England ist in Gefahr.«
    »Das haben Sie bereits erwähnt.« Diccan lehnte sich zurück und zupfte seine Manschetten zurecht. »Warum informieren Sie nicht die Botschaft?«
    Bertie lachte kurz auf. »Weil ich mir sicher bin, dass einige der Botschaftsmitarbeiter Mitglieder sind.«
    Diccan nickte. »Von dieser Gruppe, die Sie erwähnten und die sich selbst die ›Britischen Löwen‹ nennt. Sie haben mir allerdings auch erzählt, dass Sie Napoleon geholfen haben, nach Frankreich zurückzukehren. Das ist Hochverrat, mein Junge. Sie bitten mich, einem Mann zu glauben, der sein Vaterland verraten hat?«
    Falls das überhaupt möglich war, schien der junge Mann noch verzweifelter zu werden. »Meinen Sie nicht, dass mir das klar ist? Doch sie haben mich erpresst. Sie werden Sie auch erpressen, verdammt noch mal. Warum glauben Sie mir nicht?«
    »Vielleicht, wenn Sie mir verraten, was Sie für ein Geheimnis haben, das diesen Leuten verfänglich genug erschien, um Sie damit zu erpressen.«
    Die Pistole in der Hand des jungen Mannes begann zu zittern. Diccan bemerkte, dass es eine handgefertigte Manton- Duellpistole war. Wie leicht konnte der Junge in dieser Situation einen Fehler machen. Er war zu labil. Zu verzweifelt. Schweiß rann ihm die Schläfen hinab.
    Bertie wandte sein Gesicht ab. Diccan konnte nicht anders – er hatte Mitleid mit dem jungen Mann, egal, was er verbrochen hatte. »Sie verstehen das nicht«, flüsterte der Junge. »Sie können es nicht verstehen. Sie sind nicht … unnatürlich. «
    Aha.
    »Tristram Gordon«, sagte Diccan behutsam.
    Evenham verzog schmerzerfüllt das Gesicht. »Sie wissen es?«
    »Dass Sie und Lady Gracechurchs Cousin einander geliebt haben? Ja. Sie haben allerdings recht – die meisten wissen es nicht.«
    »Ihr Ehemann hat ihn ermordet!«
    »Es war kein Mord«, erwiderte Diccan ruhig. »Ein Duell. Ich weiß es. Ich war dabei.«
    Der Junge bebte noch heftiger. »Ich auch. Und ich konnte nicht einmal zu ihm …«
    Diccan verabscheute es, Fliegen die Flügel auszureißen oder Kinder zu quälen. Evenham konnte nicht älter als fünfundzwanzig Jahre sein. »Was soll ich Ihrer Meinung nach tun, Bertie?«
    »Warnen Sie die Regierung. Bringen Sie sie dazu einzusehen, dass diese Männer gefährlich sind. Sie sind der festen Überzeugung, alles besser machen zu können.« Er

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