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Lorettas letzter Vorhang

Lorettas letzter Vorhang

Titel: Lorettas letzter Vorhang
Autoren: Petra Oelker
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VORSPIEL
    FREITAG, 30.   MAI 1766
    Die Nacht duftete süß. Der Frühling war warm gewesen, und der Wind, der von Clifton herunterwehte, verriet, daß Jasmin und Geißblatt in voller Blüte standen. Im
Llandoger Trow
nahe dem Bristoler Hafen war davon allerdings nichts zu merken. In der Schenke roch es nach Bier, saurem Wein und scharfem Tabak. Zwei betrunkene Seeleute aus Liverpool ließen sich von einem Korkschneider beim Würfeln betrügen, ein Tuchmachergeselle stritt tapfer mit drei Kattundruckern, ob Leinen nicht doch der Baumwolle vorzuziehen sei, zwei Kutscher lamentierten über die rapide kürzer werdende Lebensdauer ihrer Pferde, seit die verbesserten Straßen das Reisen immer schneller machten, und in einer Ecke beim Kamin fütterten Liz und Betty ihr schwarzweißes Hündchen mit einem fettigen Fetzen Hammelfleisch und warteten auf Kundschaft.
    Es war ein ganz gewöhnlicher Abend im
Llandoger Trow
, und Elsi, das Schankmädchen, begann sich zu langweilen. Doch dann, als die Schenke sich schon leerte, wurde es in der Ecke neben der Tür zur Küche plötzlich laut. Der Fremde, ein wirklich schöner, wenn auch ein wenig dunkler Herr aus London, hatte lange allein an einem kleinen Tisch gesessen, vom teuersten Port getrunken, und obwohl sein Blick immer wieder träge durch den spärlich beleuchteten Raum glitt, schien es, als würde er nichts von dem wahrnehmen, was in der Schenke vor sich ging. Nichteinmal Elsi, der doch sonst alle Gäste nachsahen. Sie hatte ihn schließlich nicht mehr beachtet. Der Wirt, immer neugierig auf Nachrichten, hatte sich zu dem Fremden gesetzt, sie hatten eine Weile leise miteinander gesprochen, und nun wurden sie plötzlich laut.
    Der Mann widersprach dem Wirt entschieden. Es stimme einfach nicht, sagte er, und es klang bei aller Schärfe äußerst herablassend, daß Mr.   Defoe jenen Matrosen, nach dessen Erlebnissen er seinen berühmten Roman «Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe» schrieb, in dieser Schenke getroffen habe. Sein Vater sei mit Mr.   Defoe in London gut bekannt gewesen, weshalb er getrost sein Stadthaus am Cavendish Square darauf wetten wolle, daß Mr.   Defoe die Geschichte nicht hier, sondern im
Wild Indian
nahe der Seefahrer-Kirche St.   Mary Redcliffe gehört habe.
    Schade, dachte Elsi, die auf echte Neuigkeiten gehofft hatte, nur wieder die alte Geschichte, und begann lustlos, die Dielen unter dem ewig tropfenden Bierfaß zu wischen. Aber Joe Kelly, der Wirt des
Llandoger Trow
, war erbost. Seine Stirnadern schwollen gefährlich an.
    «Eine infame Lüge!» brüllte er. Ganz gewiß bezahle Plummer, diese Ratte von Wirt des
Wild Indian
, gut für diese Schurkerei. Ganz gewiß!
    So ging es hin und her, obwohl Joe tatsächlich nicht ganz sicher wußte, ob die Sache mit Mr.   Defoe doch nur der geschäftstüchtigen Phantasie seines Vaters entsprungen war, aber das gab er nicht einmal vor sich selbst zu. Die Legende von Mr.   Defoes Besuchen im
Llandoger Trow
lebte nun schon seit vier Jahrzehnten, allein deshalb war sie so gut wie die Wahrheit. Auf alle Fälle war sie gut fürs Geschäft. Und die Mär, er selbst, Joe, habe als achtjähriger Knirps dem berühmten Schriftsteller Ale und Lammkeuleserviert, brachte ihm viele vornehme, des Lesens und Schreibens kundige Gäste in seine ziemlich düstere Schenke. Dumm, wie reiche Leute nun mal waren, zahlten sie willig den doppelten Preis für alle Speisen und Getränke, wenn sie ihnen nur von Joe persönlich auf den klebrigen Holztisch gestellt wurden. Nie hatte jemand die Geschichte angezweifelt. Und das Bild an der Wand hinter dem Schanktisch, von Kaminruß und Schenkendunst geschwärzt, wurde ehrfürchtig als das Porträt jenes Alexander Selkirk bewundert, der viele Jahre ganz allein auf einer einsamen Insel Hunderte von Meilen vor der peruanischen Küste verschollen gewesen war. Es war schon so lange her, seit Joe das dilettantische Werk einem hungrigen Seemann gegen einen Teller Suppe und einen Becher Branntwein getauscht hatte, daß er es beinahe selbst glaubte. Und nun kam dieser feine Besserwisser und verbreitete Unsinn.
    «Lügen», rief er wieder, «ganz gewiß   …»
    Elsi konnte nicht mehr hören und sehen, was dann geschah, denn just in dem Moment steckte Kate, Joes Frau, den Kopf aus der Küchentür.
    «Steh nicht rum und gaff die Männer an, Mädchen, mach dich an die Arbeit», rief sie so dröhnend, daß selbst die beiden Streithähne für einen Moment

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