Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out

London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out

Titel: London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out
Autoren: Oliver Harris
Ads
Menge Arbeit.«
    Belsey wartete, bis er allein im Büro war. Dann tippte er das Wort »Schande« in seinen Computer und betrachtete das Bild eines Nazis, der tot in einem Bach lag. Ein KZ-Wärter, der sich erschossen hatte. Belsey druckte das Foto aus und verschloss es in seiner Schreibtischschublade. Er legte den Kopf auf die Arme, machte die Augen zu und wollte nach Hause.
    Das Wetherspoon lag im oberen Stockwerk eines Freizeit zentrums in der Finchley Road, über einem Fitnessstudio, einem Geschäft für Innenausstattung und einem Multiplex mit sechs Kinos. Der ganze Bau verströmte eine komatöse Gelassenheit. Vorbei an Wasserspielen und künstlichen Pflanzen glitt Belsey auf der Rolltreppe hinauf ins Pub. Das große Lokal war in trübes blaues Licht getaucht, als wollte es die Leute davon abhalten, ihre Venen zu finden. Belsey setzte sich ins hinterste Eck. Die CD, die lief, blieb immer wieder hängen, was niemanden kümmerte. Er mochte das Wetherspoon. Er fühlte sich wie in einer Abflughalle. Er mochte Bars in Kettenhotels, Flughäfen und Bahnhöfen. Es waren Orte, die nach nichts rochen und die nicht versuchten, irgendetwas darzustellen. Ein Lokal, in dem der Mensch seine Gedanken ordnen konnte.
    Belsey musterte seine Gesellschaft: mehrere Rentner, die jeder für sich an ihren Tischen vor sich hin grübelten, ein Pärchen, dessen hektische Intimität auf Ehebruch schließen ließ, adrettes Personal, das polnisch miteinander sprach, und eine allmählich in Fahrt kommende Bürofeier. Nach der Menge der leeren Flaschen zu urteilen, tippte Belsey auf ein Besäufnis anlässlich einer Entlassung. Die Fenster, durch die man auf die sechsspurige Finchley Road blickte, reichten vom Boden bis zur Decke – als gäbe es dort unten irgendetwas von Belang zu sehen. Belsey steckte die Hände in die Taschen, beobachtete die Autos und fragte sich, ob das jetzt die Krise sei. Es heißt, man ändert sich erst, wenn man ganz unten angekommen ist. Er hatte sich das immer wie einen Aufprall vorgestellt, aber vielleicht fühlte es sich an, wie wenn man auf den Meeresboden hinabsinkt, schwerelos und unwirklich.
    Die Büromenschen tranken viel, sie arbeiteten schon an der Wochenendbewusstlosigkeit. Es war Mittwoch. Die Kra watten waren bereits gelockert, die Blusen standen offen, und die Firmenkreditkarte klemmte hinter der Bar. Belsey stand auf und ging zu dem Barmädchen.
    »Kann ich drei Stella auf die Firmenkarte haben?«, sagte er.
    »Natürlich.« Das Mädchen zapfte das Bier, bonierte es und steckte den Kassenzettel hinter die Mastercard. »Darf es noch was sein?«
    Belsey nahm die Speisekarte. »Können Sie die City-Platte empfehlen?«
    »Die wird sehr gern genommen.«
    »Dann nehme ich die. Und einen Wodka Tonic, einen doppelten. Und ein paar Speckchips.«
    »Okay.«
    »Tut mir leid, wenn wir ein bisschen laut sind«, sagte er, während sie den Wodka mixte.
    »Abschiedsfeier?«
    »Abschiedsfeier, Willkommensfeier, einer geht, ein anderer kommt. Alle feiern. Kommt mir vor, als wenn jeder dauernd umzieht. Wie lange arbeiten Sie schon hier?«
    »Drei Wochen.«
    »Und, wie gefällt’s Ihnen?«
    »Gut.«
    »Ist eins meiner Lieblingslokale.«
    Belsey trank den Wodka Tonic an der Bar und nahm die drei Bier und die Speckchips mit an seinen Tisch. Für einen Augenblick hatte er Sehnsucht nach seinem Handy – nicht erreichbar zu sein kam statischem Rauschen gleich. Von der Außenwelt abgeschnitten, dachte er. Was hatte er den Leuten gestern Abend am Telefon erzählt? Er hatte die Brücken hinter sich abgebrochen, so viel war klar. Lieber als einen seiner Freunde oder Verwandten hätte er jetzt gern seine Bank angerufen. Ein morbides Verlangen; außerdem wusste er gar nicht, was er hätte sagen sollen. Aber die Bank wusste über seine Schande wenigstens Bescheid. Er konnte Konkurs anmelden. Außerdem moralischen Konkurs. Aber er war sich gar nicht sicher, ob er gerettet werden wollte. Seine Zwangslage war eine Kraft, die ihn vorwärtstrieb. Er wollte, dass sie ihn vorwärtstrieb. Ist kein Verbrechen gemeldet, soweit ich weiß. Er wollte verschwinden, sich aus dem Staub machen. Er spürte, dass sich am Horizont eine außergewöhnliche Möglichkeit auftat.
    Belsey trank die drei Bier schnell aus. Und während er das tat, forschte er – wie ein Unfallopfer, das vorsichtig seine Rippen betastete – in seiner Seele nach, ob er sich wie ein Versager fühlte. Er fühlte nichts. Er brauchte Schlaf. Bilder von Bushäuschen, Bahnhöfen,

Weitere Kostenlose Bücher

Hexensabbat
Hexensabbat von Annegrit Arens
Lesereise Rom
Lesereise Rom von Klaus Brill
Hellas Channel
Hellas Channel von Petros Markaris
Die Herren von Everon
Die Herren von Everon von Gordon R. Dickson
Mordsucht
Mordsucht von Moe Teratos
Der Fürst des Nebels
Der Fürst des Nebels von Carlos Ruiz Zafón