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Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland

Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland

Titel: Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland
Autoren: von Dirk Petersdorff
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Quallenblut, Fett der Saurier, Panzer der Echsen, das Grün der Farnwälder, die Riesenschachtelhalme,versunkene Natur, Zeit vor dem Menschen, vergrabenes Erbe, von Zwergen bewacht, geizig, zauberkundig und böse, die Sagen, die Märchen, der Teufelsschatz: er wurde ans Licht geholt, er wurde dienstbar gemacht. Was schrieben die Zeitungen? KRIEG UM ÖL, VERSCHÄRFUNG IM KONFLIKT, DER VOLKSWILLE, DAS ÖL DEN EINGEBORENEN, DIE FLOTTE OHNE ÖL, ANSCHLAG AUF DIE PIPELINE, TRUPPEN SCHÜTZEN BOHRTÜRME, SCHAH HEIRATET, INTRIGEN UM DEN PFAUENTHRON, DIE RUSSEN IM HINTERGRUND, FLUGZEUGTRÄGER IM PERSISCHEN GOLF . Das Öl hielt die Flieger am Himmel, es hielt die Presse in Atem, es ängstigte die Menschen und trieb mit schwächeren Detonationen die leichten Motorräder der Zeitungsfahrer.
    Die Metaphern dieses Romananfangs fallen auf. Politische Ereignisse werden mit Naturphänomenen verbunden: Die Flugzeuge sind «unheilkündende Vögel», ihr Lärm ist «Sturm, Hagel und Donner». Diese Bilder sagen, dass die Einflussmöglichkeiten des Menschen auf politische Ereignisse gering sind, dass er ihnen ausgesetzt ist, sie über ihn hereinbrechen. Auch seine Prognosefähigkeiten sind begrenzt. Darauf weist die Redewendung vom Lächeln der Auguren hin. Sie greift auf eine Stelle im Werk Ciceros zurück, wo es heißt, dass die mit der Zukunftsschau beschäftigten Auguren, die ihr Wissen aus dem Flug der Vögel ableiten, über die Leichtgläubigkeit der Menschen heimlich lächeln. In einer modernen Gesellschaft zählen Politiker, Journalisten und auch Schriftsteller zu jenen gesellschaftlichen Gruppen, die mit Zukunftsaussagen beschäftigt sind. Tatsächlich wird später ein Gespräch zwischen Edwin und Philipp als «Augurengespräch» bezeichnet. So signalisiert der Roman gleich zu Beginn: Auch das Wissen der Schriftsteller ist begrenzt, auch ihren Prophetien begegnet man besser mit Skepsis.
    Die abschließende Rede über das Öl ist mehrfach motiviert. Koeppens politische Perspektive ist scharf und übernational, auch das hebt ihn von anderen Autoren seiner Zeit ab. Er erkennt die Rolle des Rohstoffes Öl für die Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts, und er sieht, dass im beginnenden ‹Kalten Krieg› die Sicherung des Zugangs zu den Erdölressourcenzwingend notwendig ist. Bemerkenswert ist die weite Rückschau des Erzählers: Bis in «die Zeit vor dem Menschen» blickt er, spielt in einem langen Satz auf die Entstehung des Öls aus organischen Stoffen und Ablagerungen an, um bei zauberkundigen Zwergen und einem Teufelsschatz zu landen. Dabei handelt es sich um einen intertextuellen Hinweis auf die Nibelungensage. Dort bewacht der Zwerg Alberich den Schatz, der symbolisch für Besitzgier und Machtstreben der Menschen steht. Ihn aus der Tiefe der Erde ans Licht zu holen – das ist der Sündenfall, mit dem die Kämpfe der Nibelungensage beginnen. Krieg und Untergang sind Folge dieses Raubes. Darin liegt die Parallele zum Öl: An ihm entzünden sich die Machtkämpfe und der Vernichtungswille des 20. Jahrhunderts. Auch damit nimmt der Erzähler eine Geschichtsdeutung vor: Das menschliche Handeln unterliegt immer wirkenden Naturkräften, von denen die Mythen berichten. Diese Kräfte steuern die Akteure, und deshalb kehren bestimmte Konstellationen zyklisch wieder. Über den Text ist ein ganzes Netz von solchen mythologischen Anspielungen gespannt. So trifft Odysseus (!) Cotton eine Frau, die Susanne heißt, aber auch eine Wiederverkörperung «Kirkes» und der «Sirenen» darstellt.
    Fragt man weiter nach dem Standpunkt des Erzählers, dann besitzt er eine größere Nähe zu einer Figur, zu Philipp. Dieser ist keine Hauptfigur, denn dafür ist er zu wenig präsent. Aber als junger deutscher Autor mit Schreibhemmungen und einer schwierigen Ehe besitzt er Gemeinsamkeiten mit Wolfgang Koeppen, und auch textintern hat er eine besondere Position. Im Gegensatz zu den anderen Figuren, die in ihre Lebensvollzüge verstrickt sind, versteht er sich als Beobachter. Diese reflexiven Fähigkeiten bringen aber keine feste Weltdeutung hervor, Philipp bekennt sich zur Unentschiedenheit: «Ich höre einmal hier ein Wort, das mir gefällt, und manchmal von der anderen Seite einen Ruf, der noch besser klingt, ich spiele immer die lächerlichen Rollen, ich bin der alte Tolerante.» Dies hat zur Folge, dass ihm die Vertreter verschiedener Überzeugungen Vorwürfe machen: «Und jeder von ihnen haßt mich, weil ich nicht zu ihm gehen und gegen den

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