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Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland

Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland

Titel: Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland
Autoren: von Dirk Petersdorff
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Einleitung
    Gegenstand dieses Buches sind literarische Werke vom historischen Umbruch 1945 bis zur Gegenwart; die Jahre zwischen 1945 und 1949 werden als Vorgeschichte der Bundesrepublik mit behandelt. Dabei werden die Texte als Teil der Gesellschaft verstanden, die sie umgibt. Es geht also um Bücher, aber auch um Zeitschriften, Songs und Filme, die zur Bundesrepublik gehören, und gefragt wird zum Beispiel: Wie setzen sich Autoren mit politischen Herausforderungen auseinander? Wie nehmen sie die Lebensformen und das Denken ihrer Zeitgenossen wahr? Oder auch: In welches Verhältnis rücken sie die neue Ordnung zur nationalsozialistischen Vergangenheit? Der Begriff der Gesellschaft wird dabei weit gefasst, er beinhaltet wirtschaftliche Realitäten ebenso wie Mentalitäten und Normen.
    Dabei beschäftigen sich literarische Texte weniger mit konkreten und kleinteiligen Entwicklungen als vielmehr mit grundsätzlicheren Problemen, auf die sie reagieren. So nehmen etwa Heinrich Böll und Wolfgang Koeppen in den Fünfzigerjahren wahr, dass sich ein neuer Gesellschaftstyp entwickelt; mit den Worten von Jürgen Habermas, dem wichtigsten Philosophen der Bundesrepublik: eine Gesellschaft ohne «konsensstiftenden weltanschaulich-religiösen Einbettungskontext», in der sich «Sphären der Willkürfreiheit und der autonomen Lebensgestaltung» öffnen. So unterschiedlich wie Böll und Koeppen diese Entwicklung beurteilen, so unterschiedlich sind auch die ästhetischen Formen, mit denen sie auf die offene Gesellschaft reagieren – Koeppen multiperspektivisch, Böll dagegen monoperspektivisch.
    Wenn Literatur- und Gesellschaftsgeschichte miteinander verbunden werden, dann entspricht dies der Position vieler wichtiger Autoren, die Literatur eben so verstanden: dass sie gesellschaftliche Prozesse beobachte, deute, auf sie einwirkeoder auch ironisiere. Zu denken ist etwa an Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger. Mit dem Gewinn eines solchen Erkenntnisinteresses geht freilich eine Einschränkung einher: Dieses Buch behandelt nicht die Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945; ausgespart bleiben die Autoren der DDR, Österreichs und der Schweiz. Allerdings nicht rigoros: So hat beispielsweise der in Wien aufgewachsene und intellektuell sozialisierte Daniel Kehlmann im Kapitel zur Gegenwartsliteratur seinen Platz, und der in Österreich geborene, seit längerem schon in Irland lebende Christoph Ransmayr wird als Vertreter der Postmoderne vorgestellt; Gleiches gilt für Autoren der DDR, die von Heiner Müller bis zu Ingo Schulze mit dem Jahr 1989 zu Autoren der neuen Bundesrepublik werden.
    Eine weitere Entscheidung betrifft die ersten Kapitel, in denen Autoren wie Thomas Mann oder Gottfried Benn fehlen, die zwar den literarischen Diskurs der Nachkriegszeit mitbestimmen, deren Werk aber ganz oder im Kern in eine andere historische Phase gehört. Schematische Grenzziehungen nach Jahreszahlen sind damit nicht beabsichtigt. Denn bundesrepublikanische Schriftsteller wie Böll oder Alfred Andersch haben wichtige Prägungen weit vor 1945 erfahren.
    Solchen Einschränkungen steht eine Erweiterung gegenüber, wenn nicht nur literarische Werke, sondern auch Debatten und Essays behandelt werden, gelegentlich auch populäre Musik und Filme, weil in anderen Medien die Bundesrepublik manchmal anders wahrgenommen wird als in der Literatur.
    Die größeren literaturgeschichtlichen Zusammenhänge sollen aus der Analyse einzelner Werke hervorgehen, soweit dies im Rahmen einer Einführung möglich ist. Aufzählungen von Autorennamen oder Kurzcharakterisierungen sollten vermieden werden. Die Auswahl der Texte erfolgte nach ihrer Repräsentativität für ein ästhetisches Programm oder eine weltanschauliche Position und natürlich nach ihrer Qualität.
    Damit sind Wertungsfragen verbunden, die sich in Gegenwartsnähe umso stärker stellen. Hier kommen Entwicklungen ins Spiel, die Leser oder Angehörige ihrer Familie miterlebt haben, sind Generationszusammenhänge und Identitäten getroffen.Noch heute wird der Charakter der Fünfzigerjahre als ‹Restauration oder Neuanfang› diskutiert, die Einordnung der 68er-Generation in die Geschichte der Bundesrepublik ist heftig umstritten. Und im engeren literarischen Bereich: Die Meinungen über junge Schriftsteller wie Judith Hermann oder Daniel Kehlmann gehen weit auseinander, und selbst ein Autor wie Günter Grass, Nobelpreisträger und wichtigster internationaler Repräsentant der

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