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Liebster Mitbewohner

Liebster Mitbewohner

Titel: Liebster Mitbewohner
Autoren: Fiona Winter
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zusammen. Wir wohnen zusammen. Wie kommst du plötzlich auf so einen Unsinn?“ Ein Teil von mir war der felsenfesten Überzeugung, dass es sich bei der ganzen Sache nur um ein äußerst grausames Missverständnis handeln konnte. Doch der andere Teil - der, der unaufhörlich frische Tränen aus meinen brennenden Augen trieb - ahnte, dass es nicht so war.
    „Ich kann das einfach nicht mehr. Zusehen, wie du so orientierungslos durchs Leben treibst.“
    Meine Hände ballten sich zu Fäusten. „Seltsam, dass du mich nicht als orientierungslos bezeichnet hast, als ich meine Ausbildung zur Erzieherin abgebrochen habe, um Jura zu studieren. Was hast du damals gesagt? ‚Das ist eine tolle Idee, Schatz. Dann kannst du später in unsere Kanzlei einsteigen.‘ Wirklich komisch, dass dich meine Unentschlossenheit erst jetzt stört, wo ich begriffen habe, dass ich doch keine Anwältin werden will.“
    „ Jetzt werd‘ bitte nicht ungerecht. Und sei doch mal ehrlich: Kennst du irgendjemanden in deinem Alter, der ähnlich viele Studiengänge und Ausbildungen angefangen und abgebrochen hat wie du?“
    „Was kann ich dafür, dass man in der Schule nicht richtig auf die Berufswahl vorbereitet wird? Ein einziges Pflichtpraktikum in der Oberstufe – das ist doch ein Witz!“
    „Ich weiß nicht mal, ob ich alles fehlerfrei aufzählen kann“, fuhr Leon in seinem Monolog fort, meinen Einwurf ignorierend. „Arzthelferin war das erste, oder? Dann Germanistik, Medizin-“
    „Psychologie, nicht Medizin.“
    „Dann die Ausbildung zur Erzieherin, Jura, und nun Kunst? Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass du immer wieder etwas Neues ausprobierst und immer so weiter machen wirst, um nicht arbeiten zu müssen.“
    Mit offenem Mund starrte ich ihn an. Hatte ich das richtig verstanden? „Ich arbeite doch“, stammelte ich perplex.
    „Du hast einen Teilzeitjob, um während des Studiums über die Runden zu kommen. Das ist doch keine Arbeit.“
    Ich kämpfte darum, die Wut in meinem Inneren weiter anzufachen, doch es gelang mir nicht. Sie wurde Stück für Stück von Traurigkeit und Leere überschwemmt. Etwas in mir war sich sicher, dass ich nur die richtigen Worte finden musste und es würde alles wieder gut werden. Wir würden darüber reden, uns umarmen und alles würde so sein wie immer. Doch der vernünftigere Rest von mir wusste, dass das nicht stimmte. Dass egal, was wir beide tun oder sagen würden, etwas kaputt gegangen war, das man nicht mehr reparieren konnte. „Du denkst, mir gefällt einfach das Studentenleben? Die unregelmäßig stattfindenden Vorlesungen und die viele Zeit, die ich mir frei einteilen kann?“
    Leon nickte.
    „Ich… hast du mir überhaupt jemals zugehört? Wenn ich dir von meinen Gefühlen und Sorgen erzählt habe? Über meine Unsicherheit und Angst, was die Zukunft angeht?“
    „Natürlich hab e ich das, aber-“
    „Nein, hast du nicht! Wenn es so wäre, hättest du nicht dieses Bild von mir! Dass ich einfach faul bin und keine Lust auf das echte, harte, geregelte Erwachsenenleben habe!“
    Leon blickte auf und sah mir fest in die Augen. „Genau das ist das Problem. Ich bin mir nämlich sicher, dass du, wenn du nur ehrlich zu dir selbst sein könntest, dir genau das eingestehen müsstest.“
    Ich drängte all die Wut und Traurigkeit in mir zurück, bis ich mich ganz und gar leer fühlte. Dann sagte ich ruhig: „Das ist nicht wahr.“
    Leon lachte freudlos auf. „Siehst du. Deshalb kann ich das nicht mehr. Wie soll ich mit einem Menschen zusammen sein, der nicht einmal ehrlich zu sich selbst sein kann?“
    „Hast du nur ein einziges Mal in Erwägung gezogen, dass deine Meinung über mich vielleicht falsch sein könnte? Dass ich wirklich so bin, wie ich mich sehe? Dass ich mich selbst besser kenne, als du mich?“
    „Ehrlich gesagt, nein.“
    Ich nickte mechanisch. „Dann ist wohl alles gesagt.“ Plötzlich sah ich Leon, den Esstisch, die Küche nur noch undeutlich vor mir. So, als hätte ich gerade genug Alkohol getrunken, um mich wie in Watte gepackt zu fühlen. Ich stand auf und schwankte.
    Leon sah mich besorgt an. „Ist alles okay?“
    „Ja, alles super. Ich geh‘ meine Sachen packen.“ Schritt für Schritt schleppte ich mich zur Küchentür und versuchte, dieses seltsame, haltlose Gefühl auszublenden.
    „Komm schon, Maja“, rief Leon mir hinterher. „Wo willst du denn hin? Bleib hier, bis du etwas Neues g efunden hast. Es ist doch kindisch, so Hals über Kopf

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