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Liebesschmarrn und Erdbeerblues - Wie alles begann

Liebesschmarrn und Erdbeerblues - Wie alles begann

Titel: Liebesschmarrn und Erdbeerblues - Wie alles begann
Autoren: Angelika Schwarzhuber
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Novembertage sind für viele Menschen eine sehr trübe Angelegenheit. Nicht wenige neigen im Monat der gefühlten vier Stunden Tageslicht zu Depressionen. Doch ich weigerte mich schon seit Jahren standhaft, mir von einem Monat die Stimmung verderben zu lassen.
    Meine Geheimwaffe Nummer eins war Musik. Wo und wann es mir nur möglich war, hörte ich Lieder, die gute Laune machten. Und wenn niemand in der Nähe war, sang ich oft lauthals und mit mehr Gefühl als Talent mit.
    Ein anderer Trick war, gerade in dieser Zeit viel Farbe in mein Leben zu bringen. Ich schlüpfte konsequent in die hellsten und buntesten Kleider, die in meinem Schrank zu finden waren. Schwarz und Grautöne waren im November bei mir gestrichen.
    So auch an einem Freitagmorgen vor dem ersten Adventswochenende. Nachdem ich mich müde noch im Dunklen aus dem Bett gequält hatte beschloss ich, dem düsteren Tag mit einer weißen Jeans und einem Pulli in einem frischen hellen Melonengrün die Stirn zu bieten. Meine lange rotbraune Lockenmähne bändigte ich mit einem zitronengelben Tuch. Und weil es draußen ganz besonders dunkel war, legte ich auch noch Lippenstift auf. So gewappnet machte ich mich auf nach Passau. Dort war ich in der Anzeigenabteilung eines großen Zeitungsverlages beschäftigt.
    Auf dem Weg zu meinem Schreibtisch kam mir Claudia entgegen, meine beste Freundin und Kollegin in der Lokalredaktion.
    »Guten Morgen, Claudia!«
    »Guten Morgen, Lene!« grüßte sie schwungvoll. Wie meistens war sie in Eile.
    »Heute beim Mexikaner?«
    Sie hatte gerade mit ihrem langjährigen Professorenfreund Schluss gemacht und war seither ständig auf der Suche nach Ablenkung. Ihre Mittagspause einfach nur im Büro zu verbringen und womöglich über ihre gescheiterte Beziehung nachdenken zu müssen, hielt Claudia momentan nicht aus.
    »Gerne«, antwortete ich auf ihre Frage, und gleich darauf war sie auch schon um die Ecke verschwunden.
    Der Vormittag verging relativ zäh, obwohl ich einiges zu tun hatte. Müde unterdrückte ich immer wieder ein Gähnen. Schließlich holte ich mir am Automaten einen Cappuccino. Vorsichtig, um mir durch das dünne Plastik nicht die Finger zu verbrennen, trug ich den Becher am obersten Rand zurück zu meinen Arbeitsplatz.
    »Ist das hier die Anzeigenannahme?«, riss mich eine wohlklingende Männerstimme aus meiner Konzentration.
    Ich drehte mich erschrocken um, verschüttete dabei das heiße Getränk über meine Finger und ließ den Becher fallen.
    »Autsch!«
    Brauner Cappuccino ergoss sich auf meinen Schreibtisch und hinterließ unschöne Spritzer auf meiner weißen Hose.
    »Oh nein!«, rief ich und versuchte den Stapel mit Aufträgen für Inserate in Sicherheit zu bringen und gleichzeitig die Bescherung mit Papiertaschentüchern zu beseitigen.
    »Tut mir leid! Meine Schuld!«, meldete sich die Stimme wieder. Ich hob den Kopf und erst jetzt nahm ich den Mann vor meinem Schreibtisch richtig wahr. Halleluja! Das war aber mal ein Prachtexemplar. Sportliche Figur in einem lässigen Anzug, Gesichtszüge, die an Jude Law erinnerten, eingerahmt von tiefschwarzem Haar. Und dazu eisblaue Augen, die einen Gletscher zum Schmelzen bringen könnten. Sofort ging mir das Lied »Blaue Augen« von der Band Ideal aus den Achtzigerjahren durch den Kopf. Vater hatte eine Platte in seiner umfangreichen Sammlung, die ich mir als Teenager oft angehört hatte.
    Mir verschlug es die Sprache. Buchstäblich. Hastig widmete ich mich wieder dem Cappuccino-See auf dem Tisch.
    »Ich helfe Ihnen«, sprach er und ließ seinen Worten sofort Taten folgen.
    Dabei erklärte er mir, dass er gerne ein Inserat aufgeben wollte. Was eigentlich eher ungewöhnlich war, denn die meisten Leute machten das per Telefon, E-Mail oder schriftlich. Ich gab immer noch keinen Ton von mir. Erst als wir uns beim Wischen zufällig mit den Händen berührten und eine Art magischer Stromstoß durch meinen Körper floss, rutschte mir heraus: »Ein Bekanntschaftsinserat?«
    Irgendwie wünschte ich mir, dass er Single war. Einen Ehering konnte ich an seiner Hand zumindest schon mal nicht entdecken. Was allerdings nicht allzu viel hieß. Mein Gegenüber grinste mich spitzbübisch an.
    »Nein. Ich suche eine Mitarbeiterin.« Das sagte über seinen Familienstand auch nichts aus.
    »Eine Mitarbeiterin«, wiederholte ich unnötigerweise.
    Endlich war mein Schreibtisch wieder in Ordnung, und ich erinnerte mich an meine Pflichten. Ich bedankte mich für seine Hilfe und bat ihn, Platz zu

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