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Liebe Ist Nichts Fuer Feiglinge

Liebe Ist Nichts Fuer Feiglinge

Titel: Liebe Ist Nichts Fuer Feiglinge
Autoren: Kristine Gasbarre
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E INLEITUNG
    Ich habe so gut wie gar nichts mit meiner Großmutter gemeinsam.
    Als ich ungefähr zwölf war, platzte ich eines Sonntags zur Haustür herein, um jubelnd zu verkünden, dass meine Cousine gerade ihre erste Periode bekommen hatte. Während meine drei Tanten sofort zu meiner Cousine stürzten, um sie zu umsorgen wie die drei Feen Schneewittchen, fasste sich Großmutter mit beiden Händen an die Brust und zog sich in die Küche zurück. Ich folgte ihr und naschte am Krabbencocktail. »Was ist los, Grandma?«, fragte ich. »Das ist doch toll.« Statt einer Antwort trat Grandma an den Herd und rührte in Grandpas Spaghettisoße, von der sie normalerweise die Finger ließ. Sie hätte vermutlich in diesem Moment alles getan, nur um mir zu zeigen, wie verlegen sie meine Offenheit gemacht hatte.
    Unsere Ansichten über Weiblichkeit waren immer schon unterschiedlich. Ich diskutiere mit großem Eifer über Themen, die Grandma erröten lassen, und obwohl sie es wegen meiner Jugend und modernen Erziehung stillschweigend toleriert, sind wir so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt; mein Vater ist ihr geliebter, freundlicher dritter Sohn. Sie hat das College nie beendet; ich habe meinen Master gemacht. Sie ist nie allein gereist und hat nie alleine gelebt; ich bin trotz meiner jungen Jahre schon viel herumgekommen. Sie hat mit neunzehn meinen Großvater geheiratet; ich bin letztes Jahr mit achtundzwanzig wieder bei meinen Eltern eingezogen, um mir zu überlegen, ob ich zur Abwechslung nicht mal in Europa statt in New York leben sollte.
    Grandma Gloria steht für das Traditionelle und repräsentiert die züchtige, damenhafte Seite, während ich vielmehr Modernität verkörpere. Wir lieben uns – aber zu behaupten, wir verstünden einander, wäre, wie Grandma sagen würde, geflunkert.
    In einem Thema jedoch sind wir uns einig: bei meinem Großvater. In den anderthalb Jahren seit seinem Tod habe ich gelernt, dass meine Großmutter und ich eine gleichermaßen starke Zuneigung für den Mann empfinden, den unsere gesamte Familie geliebt hat. Sie war seine Frau, ich war sein erstgeborenes Enkelkind, und natürlich hatte Grandma eine völlig andere Beziehung zu Grandpa als ich. Aber wir beide hatten ein gemeinsames Ziel: Bei allem, was wir taten, hofften wir, ihm zu gefallen.
    Für mich war Grandpa der perfekte Mann. Er war ein »Selfmademan«, der Gründer unseres heute internationalen Familienunternehmens, das Autoteile und Autozubehör fertigt. Er war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Sonntags ging er meistens in die Kirche, spendete Geld für unsere Schulen und gab so legendäre Partys, dass wir im vorigen Jahr bei unserem zehnten jährlichen Boccia-Turnier zur Erinnerung an ihn seine berühmten Martinis getrunken haben. Und er hat meine Großmutter abgöttisch geliebt.
    Er war immer für sie da und erfüllte ihr jeden Wunsch. Mit harter Arbeit, Dynamik und Stetigkeit baute er für sie beide ein großartiges Leben auf – fünf gutgeratene Kinder, zwölf glückliche Enkelkinder, drei Häuser, am Wochenende Golf und einen Bootssteg an unserem See in Pennsylvania. Grandpa hatte eine Vision von seinem Leben und seiner Familie, und er machte sie wahr . Er war ein wundervoller Mann. Vor etwa zwei Jahren – sein Lungenkrebs war noch nicht diagnostiziert worden, und es ging ihm noch gut – sagte ich zu ihm, wenn ich jemals einen so tüchtigen Mann wie ihn finden würde, sei ich das glücklichste Mädchen der Welt.
    Seit ich ein Kind war, hatte Grandpa meine Leistungen immer lauthals bejubelt, aber kurz bevor er krank wurde, gestand er meinen Eltern etwas, das er mir immer verschwiegen hatte: Er begann sich langsam Sorgen zu machen, dass ich nie einen Mann finden und eine Familie gründen würde. »Ich lebe in New York, Grandpa«, sagte ich zu ihm bei einem meiner regelmäßigen sonntäglichen Anrufe. Ich spazierte gerade durch die Straßen, beobachtete die Paare in den Cafés und versuchte, laut genug zu sprechen, um den Verkehrslärm zu übertönen, aber nicht so laut, dass die anderen Leute mich verstehen konnten. »Hier sind die Männer heutzutage unmöglich. Sie wollen nur Sex und Geld, und wenn ich mit einem zusammen bin, komme ich mir unsichtbar vor.« In diesem Moment erblickte ich den dünnen Freund einer schlanken Blondine in einem Schlauchkleid. Er warf ein Stückchen Toast auf den Bürgersteig und ermunterte ihr süßes Hündchen, es aufzufressen. Nun , dachte ich, fast alle Männer

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