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Liebe auf südlichen Straßen

Liebe auf südlichen Straßen

Titel: Liebe auf südlichen Straßen
Autoren: Horst Biernath
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Unerwartete Begegnung

    Die erste Nacht verbrachten sie in Innsbruck. Die Stadt war jetzt, da die Saison begann, von Fremden überlaufen, aber sie hatten Glück und bekamen im »Goldenen Adler« ein Zimmer neben jenem, von dessen Fenster im Jahre 1809 Andreas Hofer den denkwürdigen Aufruf an seine Tiroler Bauern gerichtet hatte, dessen Wortlaut auf einer Bronzetafel neben dem Hoteleingang verewigt worden war. Nach einem üppigen Nachtmahl siedelten sie in das Goethezimmer über, wo ein lebensgroßes Porträt des Dichters aus seinen älteren Jahren ziemlich streng und abweisend auf das Duo niederblickte, das mit Zither und Akkordeon die Gäste mit österreichischen Liedern und Melodien unterhielt. In der Gesellschaft von zwei Franzosen, einem englischen Ehepaar und einem Österreicher wurde man bei den süffigen Terlanerschoppen rasch fidel und einigte sich in drei Sprachen darüber, daß das beste Mittel zur Völkerverständigung ein guter Tropfen sei. Zum Schluß gab es eine allgemeine, weinselige Verbrüderung. Lorenz entsann sich dunkel, daß der eine Franzose, Marcel, ihn feucht geküßt und ihm unter Tränen versichert hatte, daß Deutschland und Frankreich natürliche Verbündete seien und daß er persönlich keinen Anspruch an das linke Rheinufer stelle, während der andere, Maurice, ohne Tränen, aber mit feurigen Handküssen Elisabeth davon zu überzeugen versuchte, daß mehr noch als der Wein die Liebe das wahre Mittel zur Völkerversöhnung sei. Der Engländer, der zuerst durchaus bereit schien, dieser Idee seines französischen Nachbarn zuzustimmen, zog sich unter dem strengen Blick seiner Gattin in eine kühle Haltung zurück. Und der Österreicher war Eisenbahnbeamter, trank seinen Wein mit Wasser vermischt, rieb sich die Hände und murmelte, es wären halt Verkehrsprobleme.
    Lorenz wachte am nächsten Morgen mit einem kleinen Druck unter dem Schädeldach auf, und auch Elisabeth — obwohl sie im Verlauf der langen Nacht nicht mehr als drei Schöppchen getrunken hatte — schluckte vor dem Frühstück zwei Tabletten. Aber als sie dann Innsbruck bei strahlendem Sonnenschein verließen und die Serpentinen zur Brennerhöhe hinaufkurvten, verflogen im frischen Fahrtwind Kopfweh und Müdigkeit. Sie hatten ohne ein bestimmtes Ziel sechs oder acht Urlaubswochen vor sich. In einem ganz lockeren Programm lagen Verona, Venedig, Florenz, Rom und Neapel vor ihnen. Vielleicht aber tat es ihnen auch ein Nest an der tyrrhenischen oder adriatischen Küste an, und irgendwann einmal wollte Lorenz einen Kriegskameraden, Paul Borngräber, besuchen, der damals in Italien hängengeblieben war, eine Italienerin geheiratet und in der Nähe von Terracina eine Tankstelle und Reparaturwerkstatt aufgemacht hatte.
    Es war übrigens ihre Hochzeitsreise; wenn auch mit einer kleinen Verspätung, denn der Tag ihrer Trauung lag eine Woche zurück. Die Abwicklung eines schwierigen Prozesses hatte die Abreise, die ursprünglich am Tage der Hochzeit stattfinden sollte, so lange hinausgezögert. Lorenz Bonaventura war Rechtsanwalt. Als Spezialist für Steuerrecht hatte er das Glück gehabt, sich mit dreiunddreißig Jahren mit zwei älteren Anwälten, deren Kanzlei einen ausgezeichneten Ruf genoß, zu assoziieren. Der Gewinn war gegenseitig, denn mit seinem Eintritt nahm die Kanzlei, die sich fortan Genzmer, Littorius und Bonaventura nannte, einen bedeutenden Aufschwung. Nicht zuletzt deshalb, weil Marcus Winckler, Lorenz Bonaventuras Schwiegervater, sich der Kanzlei in seinen vielfältigen Rechts- und Steuerangelegenheiten schon zu einem Zeitpunkt zu bedienen begann, als sich Lorenz mit Elisabeth, der einzigen Tochter Marcus Wincklers, verlobte. Das war seines Schwiegervaters Beitrag zur Existenzsicherung der jungen Ehe. Das Vermögen, das er seiner Tochter mitgab, war nicht nennenswert. Marcus Winckler trennte sich ungern von barem Gelde, das sich in seiner Fabrik für feinmechanische Werkzeuge mit hohem Gewinn verzinste. Dafür zeigte sich der alte Herr bei der Hochzeit mehr als großzügig; denn nach dem Essen, das in einem Hotel stattfand, führte er den befrackten Bräutigam und die in Schleier gehüllte Tochter vor das Haus, um ihnen sein Hochzeitsgeschenk zu zeigen: ein traumhaft schönes Kabrio, silbergrau in der Farbe, mit roten Ledersitzen und einem starken Motor unter der Kühlerhaube.
    Ja, Lorenz hatte Glück gehabt. Wahrscheinlich war er der erste Bonaventura, dem so viel in den Schoß fiel, eine bildhübsche junge Frau, die

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