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Lesereise - Israel

Lesereise - Israel

Titel: Lesereise - Israel
Autoren: Gil Yaron
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Staatsanwalt und später als Richter im Obersten Gerichtshof an mehreren spektakulären Prozessen mitgewirkt. Kein Ereignis prägte sein Leben jedoch so wie die Monate, in denen er als stellvertretender Chefankläger im Eichmann-Prozess fungierte.
    Als israelische Geheimdienstagenten den Obersturmbannführer 1960 in Buenos Aires aufgriffen und nach Jerusalem vor Gericht brachten, begann für Bach und den ganzen Staat Israel ein neues Kapitel. Am 11. Mai 1960 versetzte Israels Premier David Ben Gurion das Land in Aufregung. In trockenen Worten verkündete er vor der Knesset , dass »unsere Sicherheitsdienste vor kurzer Zeit einen der berüchtigsten Naziverbrecher, Adolf Eichmann, gefasst haben. Er war gemeinsam mit der Führung der Nazis für das verantwortlich, was sie als ›die Endlösung der Judenfrage‹ bezeichneten – in anderen Worten, die Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden. Adolf Eichmann ist bereits in unserem Land in Haft, und wird […] hier in Israel vor Gericht gestellt werden.« – »Es war, als hätte Ben Gurion uns einen Stromschlag versetzt«, erinnert sich Bach.
    Zwei Tage später erhielt er den bereits erwarteten Anruf vom Justizminister, der ihn bat, im Prozess eine besondere Rolle zu spielen, nicht zuletzt wegen seiner perfekten Deutschkenntnisse. »Ich sollte die Beratung der Polizeieinheit 06 übernehmen, die die Anklageschrift gegen Eichmann vorbereitete.« Bach war kurze Zeit zuvor im Alter von dreiunddreißig Jahren zum stellvertretenden Generalstaatsanwalt ernannt worden. Wie viele seiner Mitbürger war auch Bach ursprünglich ein Flüchtling aus dem »Dritten Reich«. »Eine Reihe von glücklichen Zufällen hat dafür gesorgt, dass ich noch lebe«, sagt Bach. Seine Familie entschloss sich erst 1938 zur Flucht aus Berlin, zwei Wochen vor der Reichspogromnacht, nach der die Flucht aus Deutschland unmöglich wurde. Fast wäre die Flucht gescheitert: »An der holländischen Grenze hielt ein SS -Offizier uns an und befahl uns, aus dem Zug zu steigen. Er durchsuchte unsere Koffer und ließ uns erst gehen, als der Zug bereits begann zu fahren.« Zu seinem »Glück«, so erinnert sich Bach heute mit einem leichten Schmunzeln, trat ihm der SS -Mann in den Hintern und half ihm so auf den Waggon. Ein markanter Abschied für jemanden, der später einmal das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte. Nur einen Monat vor dem Einmarsch Deutschlands in Holland reiste seine Familie nach Palästina aus. »Es war die letzte Fahrt der ›Patria‹ – auf der nächsten Überfahrt wurde das Schiff versenkt«, sagt Bach.
    Nachdem er die Beratung der Einheit 06 übernommen hatte, lebte Bach neun Monate neben der Zelle, in der der Nazischerge untergebracht war: »Sie hatten das ganze Gefängnis geräumt. Ich war Eichmanns einzige Verbindung zur Außenwelt.« Bach erinnert sich noch genau an sein erstes Treffen mit Eichmann. Er lehnt sich in dem gemütlichen Ohrensessel zurück und erzählt: »Ich las gerade die Autobiografie von Rudolf Höß, dem Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz«, sagt Bach. »Ich hatte die Stelle erreicht, in der Höß beschreibt, wie sie damals mehr als tausend jüdische Kinder am Tag töteten.« Bach verengt seine Augen und zitiert aus dem Buch, als läse er vor: »Wenn ich die Kinder in die Gaskammer stoßen musste, bekam ich manchmal Kniezittern. Aber ich hab mich immer für meine Schwäche geschämt, nachdem ich mit Obersturmbannführer Adolf Eichmann gesprochen hatte. Denn Eichmann hatte mir erklärt, dass es hauptsächlich die Kinder sind, die man zuerst töten sollte. Denn wo ist die Logik, dass man eine Generation von älteren Menschen umbringt, und eine Generation von möglichen Rächern, die ja auch eine Keimzelle für die Wiedererrichtung dieser Rasse bedeuten könnten, dass man die am Leben lässt.« Zehn Minuten später bat Eichmann um ein erstes Treffen mit Bach, der für alle Belange Eichmanns zuständig war: »Als ich seine Schritte hörte und er mir gegenübersaß, fiel es mir nicht leicht, eine ruhige Miene zu bewahren.«
    Nicht nur für Bach, sondern für den ganzen Staat war die Konfrontation mit Eichmann und dem Holocaust ein Trauma, selbst wenn es nicht das erste Mal war, dass die Schoah vor Gericht oder in den Medien behandelt wurde. Schon die Nürnberger Prozesse spielten 1945–1949 in den Medien eine große Rolle. Noch rückten aber die Schrecken des Zweiten Weltkriegs das Verbrechen der Nazis an den Juden in den Hintergrund. Dessen wahre

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