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Lesereise - Israel

Lesereise - Israel

Titel: Lesereise - Israel
Autoren: Gil Yaron
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Ein Vorwort
    Es scheint fast unmöglich, Israel in einem einzelnen Buch zu vermitteln. Wie soll man ein Land definieren, in dem eines der ältesten Kulturvölker der Welt einen der jüngsten modernen Staaten der Erde gegründet hat? Wo moderner Nationalismus mit Bibelromantik verquickt wird und Hochtechnologie dazu dient, jahrtausendealte Bräuche zu praktizieren? Was ist typisch für ein Land, in dem die Kulturen von Einwanderern aus mehr als siebzig Ländern miteinander verschmelzen? Für einen Europäer ist Israel verwirrend vielfältig, faszinierend und facettenreich: Auf engstem Raum stößt Ost auf West, Alt auf Neu, Arm auf Reich, Religion auf Agnostiker. Moderne Wohnungen stehen auf zweitausend Jahre alten Fundamenten, grüne Weinberge sprießen mitten in der Wüste, junge Paare verlieben sich an der Klagemauer, und ja, Araber und Juden schließen manchmal tiefe Freundschaften.
    Ebenso wie sich kaum erklären lässt, was eigentlich jüdische Identität ausmacht, genauso schwierig lässt sich das Phänomen erklären, das die Presse gern den »Judenstaat« nennt. Ist Judentum Religion oder Tradition, Volkszugehörigkeit oder Weltanschauung, eine Frage der Geburt oder der Überzeugung? Und ebenso fragt man nach der Quintessenz des Judenstaats: Ist er ein kolonialistischer Staat oder die Wiedergeburt eines unterdrückten Volkes, Demokratie oder Ethnokratie, Befreier oder Besatzer? Wie der ermordete Premierminister Jitzchak Rabin (der ehemalige Generalstabschef, der zum Friedensnobelpreisträger wurde) ist der Judenstaat in erster Linie ein Paradox. Kaum etwas kann stellvertretend für dieses eigensinnige, einzigartige Mischmasch stehen, das man Israel nennt. Der schludrige Kibbuznik hat als Stereotyp des neuen Israel längst ausgedient, genau wie der heldenhafte Fallschirmjäger, dem einst als Verkörperung des kleinen David im Kampf gegen den arabischen Goliath die Sympathien der Welt entgegenschlugen. Israel ist ein Land, das der Welt Computerchips und modernste Kommunikationstechnologie schenkt und gleichzeitig debattiert, wie jahrtausendealte biblische Gesetze heute angewandt werden sollten. So kann jeder Bericht immer nur einen Aspekt dieses kunterbunten Mosaiks beleuchten, dem Gesamtbild wird er nie gerecht.
    Als Beobachter ist man ständig auf der Suche nach dem definierenden Moment, dem alles aussagenden Schnappschuss, der, ohne mit ermüdenden Erklärungen weit ausholen zu müssen, dieses Land intuitiv fassbar macht. Für mich ist dieser Augenblick der Übergang vom Gedenktag an die gefallenen Soldaten zu den direkt darauf folgenden Feiern zum Unabhängigkeitstag. Dieser dramatische Übergang ist charakteristisch für die Dilemmata und Debatten, die in Israel seit seiner Gründung jedes Jahr aufs Neue ausgetragen werden, und nirgends sind die Konsequenzen dieser Debatten deutlicher spürbar als in Tel Aviv.
    Tel Aviv gilt als die Vergnügungsmetropole Israels. Rund um die Uhr wird hier gefeiert, gegessen und getanzt, fast das ganze Jahr hindurch. Wer einmal mittags durch die Straßen marschiert, in der Kaffeehäuser vor lauter Andrang sogar in kleine Kioske mitten auf den Bürgersteigen ausweichen, könnte meinen, in dieser Stadt arbeiteten einzig die Kellnerinnen. Zwei Mal im Jahr jedoch hält selbst Tel Aviv den Atem an und versinkt für vierundzwanzig Stunden in tiefe Trauer. Wo sonst Bässe aus Diskotheken dröhnen und junge Menschen auf ihren Mopeds ausgelassen durch die Nacht knattern, herrscht plötzlich buchstäblich Totenstille. Der erste solche Tag ist Jom Haschoa , der Gedenktag für die Opfer des Holocaust, an dem man dem Andenken an den Völkermord der Nazis nicht entfliehen kann. Restaurants und Bars haben geschlossen und bieten keine Ablenkung, Fernsehen und Radio strahlen Dokumentarsendungen aus oder spielen melancholische Musik.
    Während die Ereignisse des Holocaust-Gedenktags jedoch an Aktualität verlieren, behält der zweite Trauertag des Jahres seine Bedeutung. Jom Hasikaron , der Gedenktag für die gefallenen Soldaten und Terroropfer, und der direkt darauf folgende Unabhängigkeitstag Jom Haatzmaut sind die israelischsten aller Feiertage. Dafür sorgen nicht nur die im nationalen Blau-Weiß geschmückten Straßen und Autos, an deren Fenstern kleine Israel-Flaggen patriotisch im Fahrtwind flattern. Ja, schon die Debatten darüber, wann denn überhaupt der Unabhängigkeitstag begangen werden soll, dürften für Israel einzigartig sein. Im Jahr 2008 beispielsweise legte die Regierung

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