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Lesereise Backsteinstaedte

Lesereise Backsteinstaedte

Titel: Lesereise Backsteinstaedte
Autoren: Kristine Soden
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Als tanzten Sternschnuppen auf den Wellen
Wenn die Ostsee im Nachtglanz leuchtet
    Eine Sommernacht, wie man sie nie vergisst. Schwül warm, der Himmel sternenklar. Die Ostsee in stiller Andacht, spiegelblank. Die Strandkörbe haben im Mondeslicht etwas Marmornes. Ihre meterlangen Schatten kühlen den aufgeheizten Sand. Wind und Möwen schlafen. In ruhigem Rhythmus atmet das Dünengras. Vor wenigen Tagen wanderte die Sonne ins Sternenbild des Löwen. Vorhang auf: wolkenloses Azurblau bis zum Horizont. Spät noch gehen wir schwimmen, lassen die Welt, die Zeit hinter uns, schließen für Sekunden die Augen. Ein Hauch von Universum wird uns gewahr, hautnah umspült vom Meereswasser. Denn alles Leben entstammt daraus. Da, plötzlich, unter der Wasseroberfläche ein heller Blitz. Da, noch einer! Und noch einer! Immer mehr! Und während wir uns tragen lassen, einfach nur sind, scheint es, als tanzten Sternschnuppen auf den Wellen. Bläulich, grün schimmernd wie in festliche Perlmuttkleider gehüllt. Hatten wir die kleinsten unter den Meeresbewohnern erschreckt? Auf dass sie ihre Lampen anknipsten und sich in Alarmbereitschaft versetzten? Meeresbiologen sprechen von »Biolumineszenz«. Einzeller, zum Beispiel Dinoflagellaten, sind wahre Lichtkünstler, können kurzfristig körpereigene Leuchtstoffe produzieren. Anders aber als bei unseren Glühbirnen, wo fünfundneunzig Prozent der Energie in Wärme verjuxt werden, wandelt sich bei den Meereswinzlingen die Energie komplett in Licht, welches folglich »kalt« ist. Finger verbrennen sich daran nicht.
    Im Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (es ging 1992 aus dem Institut für Meereskunde an der Akademie der Wissenschaften hervor) kann man eine Menge über das Meeresleuchten erfahren. Zum Beispiel, dass die meisten Tiefseelebewesen Leuchtorgane besitzen, um Beute anzulocken oder auszuspähen. Anglerfische sind dafür berühmt. Ihr Name rührt daher, dass oberhalb ihres Riesenmauls ein angelähnliches dünnes Flossenüberbleibsel steckt, besetzt mit lumineszierenden Bakterien, was wie eine kuriose Unterwasserbootlaterne aussieht. Ahnungslose Meereswesen, die sich dem Licht in der Hoffnung auf einen leckeren Gabelbissen nähern, verschlingt der Anglerfisch indes schwuppdiwupp selbst. Dabei dreht es sich ausschließlich um Damen, männlichen Anglerfischen hat der liebe Gott jede Leuchtkraft verwehrt. Unzählige Quallen, Tintenfische, Würmer und Krebse senden Lichtstrahlen aus. Meeresleuchten in flachen Küstengewässern wie am Ostseestrand geht jedoch von mikroskopisch klitzekleinen Algen aus. Auch die Meeresleuchttierchen namens Noctiluca scintillans schenken der Ostsee schillernden Glanz. Vorwiegend jedoch halten sich diese Lichtmacher in der Nordsee auf, wegen des höheren Salzgehalts. Rund fünfunddreißig Gramm Salz pro Liter gibt es um die nordfriesischen Inseln herum. Im Kattegat vor der Haustür der Ostsee, zwischen Jütland und der schwedischen Westküste, beträgt der Salzgehalt zwanzig Gramm. An der Lübecker Bucht sinkt er auf fünfzehn Gramm ab, bis er an der Darßer Schwelle vor Rostock weniger als zehn Gramm pro Liter ausmacht. Wer je von der Sylter Brandung einen kräftigen Schluck abbekam, kennt den Unterschied zum mild gesalzenen Ostseestrand.
    Und überhaupt: Nordsee und Ostsee! So verschieden ihre Würze, ihre Luft, ihr Wind, so völlig anders ist auch, was sie innerlich bewegt. Gezeiten, die die Nordsee beherrschen, finden sich an der Ostsee nicht. Flutwellen, die aus dem Ärmelkanal und aus Schottland im Sechs-Stunden-Takt an die nordfriesische Küste rollen (an die ostfriesische Küste auch, der Einfachheit halber – Moin! Moin! – sparen wir die hier aber aus), werden vom Kattegat gestoppt. Die Flut erreicht somit gar nicht erst die Ostsee. Im Gegenzug läuft folglich auch kein Wasser ab, weshalb von Grömitz bis Usedom keine Ebbe entstehen kann. Das Gute daran: Gäste, die schlechte Laune haben, weil das Wasser »weg« ist, sind den Ostseebädern fremd. Eingefleischte Nordseefans stört umgekehrt die ständige Meerespräsenz. Verrät sie doch, dass das Wasser, um im Bild zu bleiben, steht. Und in der Tat wird die Ostsee nur selten aufgefrischt. Ihre Verbindungswege zur Nordsee sind schlichtweg zu eng. Dreißig bis vierzig Jahre dauert es, bis das Ostseewasser einmal vollständig ausgetauscht wird. Entsprechend lange halten sich Schadstoffe darin auf. Und da die Ostsee ein Binnenmeer ist, zerstören Abwässer und Abfälle ihr Ökosystem

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