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Leitstrahl für Aldebaran

Leitstrahl für Aldebaran

Titel: Leitstrahl für Aldebaran
Autoren: Karl-Heinz Tuschel
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Prolog
    Der Kapitän schaltete die Antriebe aus. Diese winzige Bewegung schmerzte ihn so sehr, daß er laut stöhnte.
    Dann saß er minutenlang unbeweglich, nur die Augen ruckten hin und her, immer wieder las er die drei, vier wichtigsten Meßinstrumente ab.
    Ja, die Geschwindigkeit blieb konstant, keine Kräfte wirkten mehr auf den KUNDSCHAFTER ein, er hatte es geschafft, hatte das Schiff herausgeführt aus diesem Loch, aus diesem Ich-weiß-nicht-was, das sie beinahe verschluckt hätte.
    Dafür aber hatte der Kampf gegen das Loch die Antriebsenergie fast vollständig verbraucht. Der Rest reichte gerade, einen Leitstrahl an die ALDEBARAN zu senden, eine Warnung vor dieser Gefahr, der das Mutterschiff ausweichen mußte, weil es schwächer war als ein KUNDSCHAFTER und ihr anders nicht entrinnen konnte.
    Das war also klar. Und was war das nun für ein rotes Signal, das der Medicom seit einiger Zeit für ihn flackern ließ? Er schaltete die Meßwerte der medizinischen Überwachung auf seinen Schirm. Merkwürdigerweise schmerzte diese Bewegung nicht mehr so sehr, aber er machte sich trotzdem keine Illusionen: Es stand schlimm um ihn, die Körperwerte zeigten es. Er forderte die Zustandsbeurteilung des Medicom ein. Sie lautete: ABWEICHUNGEN VOM NORMALZUSTAND AN BORD NICHT ZU BEHEBEN. GEHEN SIE IN ANABIOSE.
    Wann? fragte er.
    BINNEN FÜNF MINUTEN.
    Er würde also nicht einmal mehr seine Gefährten sprechen können. Nun, jedenfalls war es richtig gewesen, sie nicht zu wecken. Jetzt lagen sie gesund und ungeschädigt in ihren Wannen, die ihre Aufgabe erfüllt und alle schädlichen Einwirkungen hinreichend gedämpft hatten.
    Wenn er den andern nun noch seine Einschätzung der Lage
    hinterließ?
    Aber hatte er denn eine? Nein, höchstens leere Worte wie Anomalie, singulärer Punkt oder ähnlichen Unfug. Es gab nichts Vergleichbares in der Geschichte der Raumfahrt. Keine Erfahrungen, keine Strategien, keine taktischen Varianten. Seine jungen Leute würden sich schon selbst ein Bild machen müssen, Zeit würden sie ja haben.
    Seine vier Sterne! Alle vier hatten sich Sternnamen zugelegt. Und einen mußte er jetzt als Nachfolger für sich bestimmen, den, der zuerst geweckt wurde. Das war eine feste, allen bekannte Regel - und seine letzte Möglichkeit, Einfluß auf die Ereignisse zu nehmen; gewiß keine unwichtige, denn schwer genug würden sie es haben...
    Gemma und Rigel, die beiden jüngeren, kamen wohl nicht in Frage. Gemma, die Nachrichtentechnikerin - nein, sie war der Sonnenschein an Bord, sie hatte zu strahlen, zur Freude aller, na gut, am meisten zur Freude von Rigel. Naiv war sie, und das war gut - nur nicht zum Leiten. Und Rigel, der Antriebsmechaniker? Seine Hände wußten mehr und handelten schneller als sein Kopf - nein, der auch nicht.
    Mira? Viel zu rebellisch, viel zu sehr geneigt, Augenblicksimpulsen zu folgen. Konnte freilich auch diszipliniert sein, wenn Einsicht da war. Und so weit die Einsicht reichte. Aber sie war Kosmogonin und hatte den höchsten wissenschaftlichen Grad von allen! Sie würde herauskriegen müssen, was passiert war! Nur - gerade dazu mußte sie wohl den Kopf frei haben. Also auch nicht.
    Blieb Toliman, der Navigator. Energisch. Diszipliniert. Aber auch pedantisch. Trotzdem, Organisation war seine Stärke. Außerdem liebte er Mira, er würde ihr schon die Möglichkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten schaffen.
    Die Schmerzen kamen wieder. Es hatte keinen Zweck mehr zu grübeln. Er gab den Weckauftrag für Toliman.
    Als er in der Wanne lag, wußte er nicht mehr, wie er das geschafft hatte. Er schloß sich an. Im Augenblick des Einschlafens verschwanden die Schmerzen, und er lächelte.

 
1
    Aufwachen war schön!
    Toliman wußte sofort wieder, daß dies sein siebenundzwanzigster Lebenstag auf dieser Reise war, es war das erste, das ihm einfiel. Und gleich danach fiel ihm ein, daß er sich letzten Abend mit Mira versöhnt hatte - letzten Abend, das bedeutete unter diesen Umständen vor der Anabiose; und daß sie sich mit ihm versöhnt hatte, bedeutete doch wohl, daß ihr genausoviel an ihm lag wie ihm an ihr. Ein so eigenwilliges Mädchen wie Mira würde das doch nicht tun, nur weil die Ärzte sagen, daß man keine seelischen Spannungen mit in die Anabiose nehmen soll! Toliman lächelte und öffnete die Augen.
    Auf dem Bildschirm kein Signal, nur stumm blinzelnde Sterne. Die Antriebe ausgeschaltet. Die Energie fast verbraucht. Der Kapitän - in seiner Wanne? In seiner Wanne! Aber

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