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Leichentanz

Leichentanz

Titel: Leichentanz
Autoren: Jason Dark
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Exakt an der Grenze der großen Grabfläche blieb Joanna Leginsa stehen, weil sie plötzlich einen dicken Kloß im Hals spürte. Das kam nicht von ungefähr, denn dieser Kloß kündigte etwas an, das ihr überhaupt nicht behagte, Unheil!
    Unheil auf einem Friedhof, der im letzten Licht des entschwindenden Tages aussah, als wollte er sich mit seinen zahlreichen Grabsteinen und Kreuzen unter einer grauen Decke verstecken.
    Die vierundvierzigjährige Frau zwinkerte mit den Augen. Hinter den Brillengläsern sahen für den Betrachter die Augen groß aus und konnten je nach Laune der Person manchmal freundlich oder böse blicken.
    Zu diesem Zeitpunkt schauten sie furchtsam und unsicher. Etwas stimmte nicht mit diesem Gräberfeld.
    Joanna Leginsa kannte sich aus. Sie besuchte den Friedhof öfter.
    Irgendwo hatte sie auch einen Tick, denn sie dachte immer daran, daß die Menschen, die in diesem Gräberfeld verscharrt worden waren, keine Lobby mehr hatten. Um die Gräber kümmerten sich weder Verwandte noch Bekannte der Toten. Grabsteine waren willkürlich gesetzt worden, manch einer kennzeichnete drei oder vier Gräber auf einmal, und unter dem Rasen lagen unzählige bleiche Knochen. Armengräber, um die sich keiner kümmerte. Ganz am Ende des großen Feldes gab es noch einen Ausschnitt, der frei lag. Da verscharrte man auch in diesen Tagen die Leichen.
    Nicht daß Joanna Leginsa die Gräber gepflegt hätte, aber sie sah es einfach als ihre Pflicht an, hin und wieder nachzuschauen, wie sehr die meisten letzten Ruhestätten verrottet waren. Da schrieb sie dann Beschwerden oder ging selbst zu den Ämtern, bei dessen Mitarbeitern sie schon als Beschwerdeziege bekannt war.
    Auch sie hatte ihren Mann verloren. Im Falkland-Krieg hatte er sein Leben lassen müssen. Sein Grab war das Meer. In der Flammenhölle eines brennenden Patrouillenbootes war er untergegangen.
    Der Boden war mit Rasen bedeckt. Kein gepflegter Teppich, sondern mehr ein grünes Feld, auf dem auch das Unkraut ungestört wuchern konnte. Es gab keine normalen Wege zwischen den Grabreihen, der oder die Besucher mußten über den Rasen gehen, dessen Gras dicht war und weich wie ein Teppich.
    Die Frau befand sich allein auf dem Feld. Schritt für Schritt durchwanderte sie es. Die Augen hinter der Brille bewegten sich.
    Ununterbrochen suchte sie nach irgendwelchen Merkmalen, die eine Meldung wert gewesen wären, aber seit dem letzten Besuch hatte sich hier nichts verändert. Die Hitze des frühen Augustes war etwas gewichen, weil die herannahende Dämmerung die Sonne vertrieben hatte. Sie war dabei, sich zurückzuziehen und hatte den Himmel mit ihrer roten Farbe überzogen.
    Plötzlich knickte sie ein.
    Ein leiser Schrei drang über ihre schmalen Lippen. Ein Zeichen des Erschreckens. Für einen Moment bewegte sie sich wie eine Puppe, an der die Gelenke angeschnitten worden waren. Sie hatte auch die Arme hochgerissen, um Halt zu finden.
    Ein Loch im Boden!
    Es war von ihr nicht gesehen worden, und sie hatte auch nicht damit gerechnet oder rechnen können, denn bei ihrem letzten Besuch – sie nahm immer denselben Weg – war dieses Loch noch nicht vorhanden gewesen.
    Mrs. Leginsa war stehengeblieben. Das Bein hatte sie wieder zurückgezogen. Dabei war sie aus dem Schuh gerutscht, der an ihrem Fuß pendelte. Sie zog ihn ganz aus, untersuchte ihn und stellte fest, daß ihm nichts geschehen war. Sie würde völlig normal weiterlaufen können.
    Aber weshalb war sie umgeknickt? Hatte hier jemand irgendwann in der Zwischenzeit ein Loch gegraben?
    Joanna schaute sich genau die Umgebung an. Nein, gegraben hatte niemand. Das hätte sie gesehen, denn im Laufe der Zeit hatte sie genügend Erfahrungen bekommen. Dieses Loch mußte entstanden sein, weil von unten her, also aus der Tiefe des Friedhofs, eine Kraft entgegengewirkt hatte.
    Das faßte sie nicht.
    Trotz allem war sie eine resolute Frau, sonst hätte sie auch nicht einen derartigen Gefallen bei Spaziergängen über den alten Friedhof finden können.
    Ihr Blick glitt nach vorn. Das Gräberfeld war da. Es hatte sich nicht verändert. Da standen die alten, grauen Steine, es wuchsen auch die Büsche am Ende des Areals. Sie wurden von Niedrighölzern überwuchert, davor aber lag doch alles ziemlich flach.
    Jetzt nicht mehr…
    Das Gelände hatte sich irgendwie verändert. Einem normalen Besucher wäre das nie und nimmer aufgefallen, sie aber dachte anders darüber, denn Joanna Leginsa hatte den Friedhof schon sehr oft besucht.

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