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Leben (German Edition)

Leben (German Edition)

Titel: Leben (German Edition)
Autoren: David Wagner
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Technik noch nicht lange. Noch vor zwanzig Jahren war bei solchen Blutungen nicht viel zu machen. Ich habe ein paar Liter Blut verloren, mein Hämoglobinwert ist schlecht, und die Leberwerte, das liegt auch an dem Eiweißschock nach so viel Blut im Magen, sind noch schlechter. Aber ich lebe.

9
    Ein Patient, ich kann ihn nicht sehen, höre ihn aber durch die offene Tür, beschwert sich, daß in den Zimmern keine Uhren hängen. Er will beobachten, wie schnell oder wie langsam die Zeit vergeht. Ob sie überhaupt noch vergeht? Und wenn ja, in welche Richtung? Ich bin mir da nicht mehr so sicher.

10
    Von der Intensivstation werde ich auf die Gastro, die gastroenterologische Normalstation, verlegt. Hier liegen, ich muß bald darüber lachen, die Gastronomen. Einen Vormittag lang, dann wird er entlassen, liegt ein Koch mit mir im Zimmer, ihm folgt ein Kellner. Der Kellner zählt mir alle Ost-Berliner Schütten auf: Truxa Bierbar, Bornholmer Hütte, Metzer Eck, Oderkahn und Trümmerkutte – die war damals in der Kastanienallee Ecke Oderberger Straße, in dem Haus, in dem sich heute der Kopierladen befindet, seiner Erzählung nach eine Absturzkneipe. Er war Ober im Operncafé, und als Ober des Operncafés, in der DDR waren Kellner mächtige Menschen, konnte er überall saufen. Umsonst. Na ja, das rächt sich heute, sagt er.
    Der Kellner darf nach Hause, nun liegt ein Fleischer neben mir. Der Fleischer ist fünfundvierzig Jahre Fleischer gewesen, ganz schön lange, ganz schön viel Wurst. Ja, wir hatten immer gut zu essen, sagt er, gehungert haben wir nie. Die letzten zehn Jahre habe die Arbeit ihm allerdings nicht mehr viel Spaß gemacht, die Fleischerei, in der er vierundzwanzig Jahre beschäftigt gewesen sei, habe schließen müssen, danach habe er in einer Wurstfabrik gearbeitet. Das Zeug, das er da hergestellt habe, also, privat habe er das nicht essen wollen. Letztes Jahr sei er sechzehn Wochen auf Station gewesen. Er hat es schon mit vielen ausgehalten, wir lassen uns in Ruhe.

11
    Eine der Schwestern kommt ins Zimmer und sagt, der Transport sei da. Ich muß zur Sonographie, darf aber liegenbleiben. Wie weitläufig die Klinik ist. Kilometerlange Korridore, fast alle Gebäude sind miteinander verbunden, unter der Erde gibt es Bettenautobahnen. Das Krankenhausbett ist eigentlich ein Fahrzeug, es hat vier Räder, es ist ein Krankenwagen, ich liege und gleite dahin, werde über lange Flure gefahren und in einen Aufzug geschoben. Ich denke an einen Einkaufswagen, dann an einen Kinderwagen, heute schiebt mich ein Afrikaner. Im Aufzug und im Durchgang unter der Mittelallee, über uns die Wurzeln der Kastanien, singt er vor sich hin. Ich frage ihn, was er singe und was es für eine Sprache sei. Eine Sprache der Elfenbeinküste, sagt er, und als ich weiter nachfrage, erzählt er, er sei in Paris geboren, im 19. Arrondissement, Frankreich und die Franzosen könne er aber, obwohl er selbst Franzose sei, nicht leiden. Er habe achtzehn Jahre dort gelebt, das reiche ihm, für immer, sagt das alles auf Französisch.
    Habe ich nicht einmal in Paris gewohnt, in Barbès, rechts des Boulevard Rochechouart, und bin jeden Tag über den Markt der Goutte d’Or gegangen? Ich liege, er schiebt. Ich würde ihn gern fragen, traue mich allerdings nicht, ob ihm schon mal ein Patient gestorben ist, unterwegs.

12
    Bin ich vielleicht doch schon tot? Geht mich das alles gar nichts an? Schaue ich nur noch zu? Vielleicht träume ich diese Gegenwart bloß, und Jenseits heißt, in einem Bett zu liegen und sich an Episoden seines Lebens erinnern zu müssen, ob ich will oder nicht. Gestern oder vorgestern war meine Beerdigung, vielleicht ist sie aber auch erst heute. Oder morgen.

13
    Im Zimmer komme ich wieder an den Tropf, ich höre ihn nicht, sehe ihn bloß tropfen und schaue ihm dabei zu.

14
    Der Fleischer erzählt, er habe früher hundertfünfundfünfzig Kilo gewogen, habe halt immer gern gegessen, immer schön Haxe, schön Bierchen, das habe er jetzt davon, eine Fettleber, nu warte ick uff eene neue. Er hat Aszites, schleppt immer zwei Bierkästen Flüssigkeit in seinem Bauch herum, ächzt sich aus dem Bett, immerhin, er kann noch aufstehen. Na ja, sagt er, braucht man sich och keene Langspielplatte mehr koofen.
    Der Satz geht mir im Kopf herum. Soll ich mir noch eine Langspielplatte kaufen? Lohnt sich das noch? Wie lange dauert es, bis das Kind alt genug ist? Und wie lange, ich verstehe Langspielplatte auf einmal ganz wörtlich, habe ich mir

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