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Lautlos wandert der Schatten

Lautlos wandert der Schatten

Titel: Lautlos wandert der Schatten
Autoren: Roland Breitenbach
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D rei
Jahre sind vergangen, seit ich mich auf den Weg zum „Grab des Apostels Jakobus“
gemacht habe; noch immer prägt dieser Weg mein Leben so, daß es für mich eine
Zeit vor und die Zeit nach dem Weg gibt. Ich weiß nicht mehr, wie bei mir die
Sehnsucht entstand, auf einem der uralten Pilgerwege nach Santiago zu gehen,
per pedes Apostolorum, wie in vergangenen Zeiten. Es hatte sich tief innen ein
geheimnisvoller Wunsch festgesetzt, der Jahrzehnte brauchte, bis ich ihn aus
mir herauslassen konnte. Da war ein Weg, der Weg quer durch Frankreich über die
Pyrenäen nach Spanien, bis an die Nordwestecke Europas, bis zum Finisterrae,
zum Ende der Welt. Mit den Jahren verstärkte sich die Sehnsucht, den Apostel
Jakobus in Santiago zu besuchen, zumal sich inzwischen immer mehr Fußpilger aus
allen Ecken Europas auf den Weg machten. Langsam sammelte sich auch Material
an: alte Erfahrungsberichte und neue Pilgererlebnisse, Zeitungsausschnitte und
Fernsehdokumentationen, Bücher und Landkarten. Das alles trug dazu bei, den
Wunsch nach dem Weg lebendig zu halten und zu steigern. Der Apostel hatte mich
schon an der Hand genommen, bevor ich ihn richtig kannte.
     
    Was
treibt einen Menschen auf diesen unsagbar weiten Weg? Die Neugierde nach dem
Unbekannten? Die Absicht, wenigstens einmal auf Zeit auszusteigen und alles
hinter sich zu lassen, was sich im Leben angesammelt hat? Die Wallfahrt zum
dritten großen Wallfahrtsort der Christenheit? Ganz einfach das Fernweh? Im
Rückblick weiß ich, da war von allem ein wenig dabei und von allem erfüllte
sich auch etwas auf dem Weg. Ich habe zunächst nicht über die Spiritualität des
Weges nachgedacht, darüber, was die Pilgerfahrt einem Menschen geistlich abverlangt.
Das kam alles erst, als ich schon tagelang unterwegs war. Ein Wort aus dem
Orient hatte mich vor allem getroffen, nicht mehr losgelassen und auf weite
Strecken geleitet: „Geh, aber gehe langsam. Du kommst doch wieder nur zu dir
selbst.“
    Das
war das Urmotiv: Keine Umwege mehr zu machen, sondern den großen Weg auf sich
zu nehmen, um an seinem Ende bei sich selber anzukommen.
     
    Carlos
Castaneda schreibt über den Weg: „Für mich gibt es nur das Gehen auf Wegen, die
Herz haben. Dort gehe ich, und die einzige lohnende Herausforderung ist, seine
ganze Länge zu gehen.“ Seine ganze Länge. Über 1500 Kilometer. Wir nehmen die
Herausforderung an. Ob wir sie bestehen? Noch bevor wir beginnen, wissen wir,
Santiago wird nur ein Durchgang sein, denn wir müssen zurück in unser Leben mit
seinen kurzen, alltäglichen Strecken. Wie hat Lao Tse, der große Meister des
Fernen Ostens geschrieben: „Der Weg ist das Ziel.“ Wir erfahren es im Gehen:
Der Weg ist randvoll gefüllt mit Leben.
     
    Tausende
und Abertausende von Menschen hatten sich vor uns auf den Weg gemacht, um den
Apostel irgendwo in der Ferne und sich selbst zu finden. In der Glanzzeit der
Wallfahrt im Mittelalter mögen es einige hundert Pilger an jedem Tag gewesen
sein; noch heute ist in der Hauptwanderzeit von März bis Oktober täglich eine
Handvoll Pilger auf dem Weg. Sie gehen einfach. Eine Idee hat sie
gefangengenommen und auf die Straße ihres Lebens geschickt.
     
    Die
Pilger nahmen, früher weit mehr als heute, gewaltige, ungeahnte Strapazen auf
sich; sie wußten, als sie aufbrachen, oft gar nicht so recht, wo die Stadt des
Apostels lag; sie hatten nur eine ungefähre Ahnung von der Länge des Weges nach
Santiago. Tausend, zweitausend Kilometer oder mehr? Ein oder zwei Jahre
Unterwegssein? Dennoch machten sie sich auf. Sie gingen nach Westen, immer auf
die untergehende Sonne zu. Einmal würde es nicht mehr Nacht werden unter ihrem
Schritt; einmal würden sie angekommen sein. Ihr lautloser Schatten begleitete
sie und wies sie schon am frühen Morgen in die richtige Richtung. Nach Westen.
Waren schon lange vor den Kreuzrittern christliche Pilger nach Osten
festgelegt, hieß es für sie „ex oriente lux“, das Licht kommt aus dem Osten,
und das Ziel ist Jerusalem, so heißt es seit dem 9. Jahrhundert überall im
Abendland, der Sternenweg führt nach Westen; dorthin, wo der Abendstern
erstrahlt. Das erst ist der „wahre Jakob“, das ist der richtige Weg.
     
    Viele
Pilger gingen nicht freiwillig; sie trugen mit der beschwerlichen Pilgerfahrt
eine Bußleistung ab, die ihnen in der Beichte durch die Kirche auferlegt war
oder sie erfüllten ein Gelübde. Andere suchten unterwegs oder am Grab des
Apostels Heilung ihrer Gebrechen oder das Anrecht

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