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Lauf, so schnell du kannst

Lauf, so schnell du kannst

Titel: Lauf, so schnell du kannst
Autoren: Linda Howard
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1
    Er hatte gewonnen.
    Sie hatte verloren.
    Sie hasste es, zu verlieren. Verlieren kotzte sie mehr an als so ziemlich alles andere.
    Schon bei der bloßen Vorstellung knirschte sie mit den Zähnen und dachte noch einmal darüber nach, was sie am besten gleich tun sollte. Im Wesentlichen wohl das Handtuch werfen. Okay, nicht direkt das Handtuch werfen, aber sie wollte sich definitiv zurückziehen – doch jetzt musste sie erst handeln. Sturheit war einer ihrer größten Fehler, wie ihr nur allzu bewusst war. Aus diesem Grund setzte Angie Powell, bevor sie einen Fehler machen und ihre Meinung ändern konnte, hastig ihren Namen unter den Vertrag mit Harlan Forbes, dem einzigen Makler in der Gegend, lehnte sich dann in ihrem Stuhl zurück und versuchte, ihre Atmung zu kontrollieren.
    So, das war’s. Ihr Haus stand offiziell zum Verkauf. Ihr Magen war so verkrampft, dass sie das Gefühl hatte, kopfüber in einen Abgrund zu stürzen – aber nun gab es kein Zurück mehr. Na ja, wahrscheinlich doch; Harlan hatte sie fast ihr ganzes Leben lang gekannt und wäre vermutlich bereit, den Vertrag auf der Stelle zu zerreißen, würde sie ihn darum bitten. Nicht nur das, außerdem war der Vertrag befristet. Wenn sich ihr Haus nicht in der vorgegebenen Zeit verkaufte, würde sie den Vertrag entweder verlängern oder … tja, was? Was hatte sie denn sonst für eine Möglichkeit? Keine. Hier ging es ums Ganze, hier hieß es: Friss, Vogel, oder stirb. Aber auch wenn sie mit dem Rücken zur Wand stand – sie wollte verdammt sein, wenn sie jetzt einfach aufgab. Umziehen war nicht das Gleiche wie aufgeben.
    »Ich werde es sofort ins Internet stellen«, sagte Harlan und schwang auf seinem Drehstuhl herum, um den Vertrag neben seinen eleganten All-in-One-Computer mit integriertem Monitor zu legen, ein überraschend modernes elektronisches Teil in seinem schäbigen, vollgestopften Zweiraumbüro, das sich im ersten Stock über dem Eisenwarenladen befand. »So knüpfe ich heutzutage die meisten meiner Kontakte.« Er warf ihr einen schnellen Blick zu, Sorgenfalten zeichneten sich auf seinem geröteten Gesicht ab. »Mach dir bloß keine Hoffnungen, sofort ein festes Angebot zu bekommen. Die Objekte hier sind im Durchschnitt sechs Monate auf dem Markt, was bei der derzeitigen Wirtschaftslage nicht mal schlecht ist.«
    »Danke«, sagte sie. Harlan war einer der besten Freunde ihres Vaters gewesen. Sie nahm an, dass er den Verkauf genauso dringend brauchte wie sie selbst. Die wirtschaftliche Talfahrt hatte in dieser Gegend jeden getroffen. Sechs Monate. Gott, konnte sie noch sechs Monate durchhalten? Die Antwort war: Wenn sie musste. Sie konnte alles, wenn sie es musste.
    Sie stand auf. »Glaub mir, ich mach mir erst mal gar keine Hoffnungen.«
    Aber das tat sie doch; dagegen konnte sie gar nicht an. Sie wünschte sich, das Haus würde in dieser Minute verkauft werden, bevor sie zu viel darüber nachdenken konnte. Gleichzeitig graute ihr vor dem Gedanken, es zu verlassen, und die beiden Gefühle kämpften in ihr, bis sie schreien wollte. Als ob das etwas nützte.
    Sie zog den Mantel an und griff nach ihrer großen Tasche, dann setzte sie sich die Mütze auf. Sie brauchte sowohl den Mantel als auch die Mütze. Der November hatte Kälte gebracht und die Täler bereits mit einer dünnen Schneeschicht überzogen. Die Berggipfel rings um das Tal waren weiß; der Wind, der von ihnen herabwehte, roch schon nach Winter, nach Tannen mit frischem Schnee. Eine Warmfront war im Anzug, die ein wenig Schnee schmelzen würde, aber jeder, Mensch und Tier, wusste schon jetzt, dass dieses Zwischenspiel bald wieder vorüber sein würde. Und dann trat der Winter mit seiner Kälte die monatelange Herrschaft an.
    Sie musste damit rechnen, einen weiteren Winter hier zu verbringen. Natürlich wäre es schön, wenn sich ein Käufer für ihr Haus fand, aber Angie war realistisch. Die Taube auf dem Dach hatte sie noch nie gereizt, solange sie den Spatz in der Hand hatte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich mühsam über Wasser zu halten und mit der Zahlung ihrer Rechnungen nicht so lange zu warten, dass eine Zwangsvollstreckung unvermeidlich würde. Und das, bis ihr Haus einen Käufer gefunden hatte und sie umziehen konnte.
    Wenn.
Was für ein Wort.
Wenn
sich ihr Dad nicht vor fünf Jahren eine Menge Geld geliehen hätte, um das Unternehmen zu erweitern, weitere Pferde und Quads zu kaufen und drei kleine Ferienhäuser zu bauen, dann wäre das Haus immer noch

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