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LaNague 01 - Der Heiler

LaNague 01 - Der Heiler

Titel: LaNague 01 - Der Heiler
Autoren: F. Paul Wilson
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PROLOG
     
    Dr. Rond beobachtete die wogende Menschenmenge vor den Toren des Krankenhauses. Die Leute winkten, sie drückten, drängelten und riefen, und alle versuchten, in das Krankenhaus zu gelangen. Die meisten wollten nur einen kurzen Blick auf den Heiler werfen, aber viele wollten ihn auch berühren – oder, noch lieber, von ihm berührt werden – in der Hoffnung, von der einen oder anderen Krankheit geheilt zu werden. Oft wurden sie geheilt. Dr. Rond schüttelte den Kopf in Verwunderung über die suggestive Kraft, die diesen Mann umgab.
    Angesichts der zusätzlichen Sicherheitskräfte, die die Anwesenheit des Heilers im Krankenhaus erforderte, hatte er sich zunächst Gedanken darüber gemacht, ob es überhaupt klug gewesen war, ihn hierher einzuladen. Aber nachdem er die Wunder gesehen hatte, die der Heiler bei den hiesigen Opfern des Schreckens vollbrachte, gratulierte er sich zu seiner Entscheidung.
    Er wandte sich vom Fenster ab und verfolgte das Geschehen im Zimmer. Der Heiler war mit einem anderen Opfer des Schreckens beschäftigt; diesmal war es ein Mann in den mittleren Jahren.
    Eine bemerkenswerte Erscheinung, dieser Mann, den sie den Heiler nannten. Ein Flammstein um seinen Hals, goldgelbe Haut an seiner linken Hand und oben auf seinem wirren, dunkelbraunen Haar eine schneeweiße Strähne.
    Er saß dem Patienten gegenüber, seine Hände lagen auf den Knien des Mannes, den Kopf hatte er gesenkt, so als ob er döste. Schweißtropfen erschienen auf seiner Stirn, und seine Augenlider zuckten. Einige Minuten lang blieb dieses Bild unverändert, dann stöhnte der Patient plötzlich auf, kam taumelnd auf seine Füße und sah sich um. »Wo … wo bin ich?«
    Pfleger gingen zu ihm hin, stützten ihn und führten ihn mit beruhigenden Worten weg. Dr. Rond sah ihnen nach. Konventionellere Therapien konnten nun zu seiner völligen Rehabilitation angewendet werden. Aber der Heiler hatte den entscheidenden Durchbruch geschafft. Ein Mann, der sieben Standardjahre lang auf keinerlei Reize von außen hatte reagieren können, fragte jetzt, wo er sei.
    Dr. Rond schüttelte wieder den Kopf, diesmal vor Bewunderung, und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Heiler zu, der in seinem Stuhl zusammengesackt war.
    Welch eine Bürde, eine solche Gabe zu besitzen, dachte er. Sie scheint ihren Tribut zu fordern. Schon oft hatte er bemerkt, daß der Heiler die Gewohnheit hatte, vor sich hinzumurmeln. Vielleicht war der Heiler selbst psychisch gestört. Vielleicht lag darin der Schlüssel für sein einzigartiges Talent. Zwischen den einzelnen Patienten schien er sich völlig zurückzuziehen, hin und wieder murmelte er und starrte auf einen bestimmten Punkt im Raum. In diesem Augenblick schien der Heiler mit seinen Gedanken viele hundert Jahre und viele hundert Millionen Kilometer entfernt zu sein.

 
TEIL 1
     
HEILE DICH SELBST
JAHR 36
     
    Der Heiler war ein bemerkenswerter, außergewöhnlicher Mann, dessen Identität wohl das bestgehütete Geheimnis in der Geschichte des Menschen war. Bis heute, nach unzähligen Stunden der Nachforschung von zahllosen Gelehrten, bleibt sie ein Rätsel. Zweifellos führte er eine Doppelexistenz, ähnlich wie die phantastischen, fiktiven Helden von einst. In Anbetracht der hysterischen Schmeicheleien, die sich auf ihn konzentrierten, war ein zweites Ego absolut notwendig, wenn er auf sein Privatleben nicht verzichten wollte.
    Aus unerklärlichen Gründen jedoch wurde die Vorstellung von einer doppelten Identität zu einem Mythos und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Kanons der Heiler-Liturgie: daß nämlich dieser Mann zwei Geiste habe, zwei verschiedene Bewußtseinsfelder und so in der Lage sei, auf wunderbare Weise zu heilen.
    Solche Gedanken sind natürlich absurd.
    aus Der Heiler: Mensch & Mythos
    von Emmerz Fent

 
I
     
    Der Überblick von der Umlaufbahn aus hatte vermuten lassen, daß diese Lichtung die wahrscheinliche Absturzstelle war, aber bei der Untersuchung des Gebietes aus dieser großen Entfernung waren keine Spuren des Wracks zu entdecken gewesen. Steven Dalt konnte jedoch auch aus der Nähe nicht viel mehr feststellen. Etwas war vor nicht allzu langer Zeit mit gewaltiger Wucht hier niedergegangen. Da war eine tiefe Furche, einige Bäume waren verkohlt, und das Gras hatte die aufgerissene Erde noch nicht völlig bedecken können. So weit, so gut. Aber wo war das Wrack? Er untersuchte die Bäume rings um die Lichtung sorgfältig, ohne etwas Besonderes finden zu

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