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L wie Liquidator

L wie Liquidator

Titel: L wie Liquidator
Autoren: Wolfgang (Hrsg.) Jeschke
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Ernst Petz
Das liederlich machend Liedermacher-Leben
     

    Das Auditorium Maximum war überfüllt, dicht gedrängt saßen und standen die Studenten. Professor D’Arnoncourt lächelte, während er sich seinen Weg zum Podium bahnte – es war nicht immer so gewesen, nicht immer hatte sich die studierende Jugend für Organisierten Lärm bzw. dessen Geschichte interessiert; genauer: erst als Institut und Rektorat – endlich! – auf »Tonvorführungen« verzichteten, waren die durch Stille, Ruhe und Lautlosigkeit verwöhnten Studenten wieder gekommen.
    D’Arnoncourt verstand die jungen Leute. Auch er begriff nicht, wie sich die Menschheit – praktisch durch Jahrhunderte! – freiwillig (!!) »Melodien« und »Rhythmen« aussetzen, sich freiwillig (!!) dem vokalen und instrumentalen Erzeugen von Geräuschen, Getöse, ausgezirkeltem und -metriertem, in seinen Einzelbestandteilen nach sogenannten »Regeln« in gleichsam gesetzmäßigen Zusammenhang gebrachtem Krach hingeben hatte können: Das mußte doch sogar die damalige Medizin festzustellen in der Lage gewesen sein, welch ungeheure Folgewirkung auf Organismus und Psyche …
    D’Arnoncourt hatte das Podium erreicht, diese ganze Geschichte des Lärms, dachte er, war nur ein Beispiel mehr, wie jahrhundertelang gegen jede gesunde Vernunft und gegen den Überlebenswillen der Menschen zugunsten obskurer Geschäftsinteressen entschieden worden war.
    Er mußte sich ja für seine Lehrtätigkeit von Zeit zu Zeit überwinden und sich das Gebumse und Gejodel des 19. und 20. Jahrhundert anhören, äußerst ungern natürlich, äußerst ungern, ohne die speziellen Medikamente und das wirklich fürstliche Honorar, das er für diese aufopferungsvolle Tätigkeit einstreifen durfte, wäre es ab-so-lut nicht machbar – aber er verstand seine Studenten daher nur desto besser, und ihre langjährige Forderung, die quälende Tortur der »Hörbeispiele« endlich einzustellen.

    Er war daher auch der erste des Lehrkörpers gewesen, der sich vorbehaltlos auf die Seite der jungen Menschen gestellt hatte, dieser traditionell vernünftigen Menschen, die ihre geliebte stille Beschaulichkeit nicht durch Krach trüben lassen wollten, die – früher als ein verknöchertes Professoren- und Rektorenkollegium – erkannt hatten, wie sehr ihnen die Klapperei und der Klamauk, den ihre Vorfahren einst schönfärberisch »Musik« genannt hatten, nur schadete, nur schaden konnte.
    Entsprechend intensiv und liebevoll war auch das zustimmende stumme Nicken, mit dem die Studenten Professor D’Arnoncourt begrüßten.
    »Wir beschäftigen uns heute«, begann D’Arnoncourt seinen Vortrag, »im Rahmen unserer Vorlesungsreihe ›Der Lärm in der Menschheitsgeschichte – eine Geschichte permanenter Dekadenz‹ mit einem akustischen Phänomen der beiden letzten Jahrhunderte, mit den sogenannten ›Liedermachern‹, einem klassischen Produkt gesellschaftlicher Mißstände.
    Wort und Träger der Bezeichnung sind dem Menschen des zu behandelnden Zeitraums, des 19. und 20. Jahrhunderts also, polyhybride Bastarde des Dilemmas einer allmählich verzweifelnden, gerade noch aufmüpfigen Jugend.
    Schon der Wunsch nach einem einigermaßen freudvollen Leben gilt dem damals herrschenden Establishment als ketzerisch und wird dementsprechend verdammt, denn er entspricht überhaupt nicht den vorgegebenen Normen – und die verrotteten Trümmer, von denen aus diese Normen vorgeschrieben werden, werden von einer bis an die Zähne mit Geld, Positionen und Funktionen, mit dem alleinigen Nutzungsrecht der Massenmedien bewaffneten, sich nie ändernden Clique verteidigt.
    - Gleichgültig, wie Wahlen ausgehen: nachher tummeln sich in den Regierungsbänken wieder dieselben Gesichter, oder worauf man halt sitzt;
    - gleichgültig, was ›die Menschen draußen‹ brauchen, wollen, wünschen – vor Wahlen wird’s versprochen – nachher sorgen Sachzwänge dafür, daß sich nichts ändert;
    - gleichgültig, wer vorgibt, für Moral, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit zu sein – der Sozialbericht weist Jahr für Jahr ein noch eklatanteres Klaffen der Einkommens- und Vermögensschere aus … Und wenn dann noch Blinden und Pensionisten das Taschengeld gekürzt werden soll, Abfangjäger aber gekauft, Waffenarsenale angelegt werden können; wenn Rentner nicht wissen, womit Brennstoff und Nahrung kaufen, die Repräsentationsspesen ›gewählter‹ Mandatare aber Jahr für Jahr nach oben explodieren – schon Stärkere sind da schwach geworden.
    Vor

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