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Kurzschluss

Kurzschluss

Titel: Kurzschluss
Autoren: Gmeiner-Verlag
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    Auch das noch! Er war über 800 Kilometer gefahren – Stunde um Stunde – und nun tobten um ihn herum gewaltige Naturkräfte. Ein orkanartiger Sturm schlug in kurzen Abständen wie eine wild gewordene Bestie gegen die linke Breitseite des Wohnmobils, dessen hoher Aufbau alles andere als aerodynamisch geformt war. Georg Sander, Journalist aus den ›Südstaaten‹, wie er selbst seine heimatlichen Gefilde in Baden-Württemberg und Bayern zu nennen pflegte, hatte Mühe, das Gefährt in der Spur zu halten. Dass es an der Ostseeküste kräftig stürmen konnte, war ihm von vergangenen Urlauben noch gut in Erinnerung. Aber dies hier übertraf bei Weitem alles, was er jemals erlebt hatte. Der Regen peitschte waagrecht über die Straße, der Himmel war gleichmäßig grau. Sichtweite knapp 100 Meter. Keine guten Bedingungen für die Urlaubsfahrt in den Norden. Doris, seine Lebensgefährtin, saß angespannt auf dem Beifahrersitz und starrte durch die Windschutzscheibe. Er wusste, dass sie Extremwetterlagen wie diese nicht mochte. Als Journalist jedoch konnte er auch solchen Ereignissen etwas Spannendes abgewinnen. Doch jetzt, da sich der Sturm zum Orkan entwickelte und sie sich kurz vor der Auffahrt zur Fehmarnsundbrücke befinden mussten, beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Plötzlich kamen ihm die Bilder umgestürzter Wohnwagen in Erinnerung, die dem Winddruck auf großen Brücken nicht standgehalten hatten. Mit einem Schlag jedenfalls war die Müdigkeit verflogen, mit der der Mittfünfziger bereits hinter Hamburg gekämpft hatte.
    Dass Doris schwieg, war ein Zeichen für ihre aufkommenden Bedenken. Gleich würde sie ihn bitten, er solle die Fahrt unterbrechen.
    Aber Sander war fest entschlossen, seinen Zeitplan einzuhalten. Wenn sie in zweieinhalb Wochen auch nur einen Teil der landschaftlichen Schönheiten Südnorwegens sehen wollten, dann musste er an diesem Fronleichnamstag unter allen Umständen den anvisierten Campingplatz in Puttgarden erreichen: die erste Etappe. Denn er hatte nicht nur die Route für eine abwechslungsreiche Rundreise festgelegt, er wollte nebenbei journalistisch tätig werden. Nicht für die Tageszeitung, bei der er beschäftigt war, sondern für einen Bekannten, der ihn um einen Gefallen gebeten hatte. Doris, die ihm regelmäßig streng untersagte, den Laptop mit in den Urlaub zu nehmen, legte zwar Wert darauf, dass er unterwegs nicht an seine Arbeit dachte, doch diesmal hatte er sie davon überzeugen können, sozusagen im Vorbeifahren etwas zu erledigen. Schließlich kam man nicht alle Tage nach Norwegen. Schon gar nicht, wenn allein die Anfahrt aus Süddeutschland ein Kraftakt war.
    Das kleine Wohnmobil, das ohnehin allenfalls 130 Stundenkilometer schaffte, fuhr längst nur noch in Schrittgeschwindigkeit. Die Sturmgewalten drohten den Wagen, dessen Alkovenaufbau wie ein Brett den unbändigen Windkräften eine große Angriffsfläche bot, immer wieder rechts von der Straße zu zerren. Sander kämpfte mit der Lenkung gegen die Böen, doch sobald sie für den Bruchteil einer Sekunde nachließen, geriet der Wagen ruckartig nach links, was dann eine Lenkbewegung in die andere Richtung erforderte. Mit fatalen Folgen, weil sogleich eine neuerliche Böe diese Richtungsänderung noch verstärkte. Das Wohnmobil geriet in ein bedrohliches Schlingern, das in einem verhängnisvollen Aufschaukeln enden konnte. Sander versuchte, dies mit einer sanften Abbremsung auf Schrittgeschwindigkeit in den Griff zu bekommen. Er spürte den ängstlichen Seitenblick seiner Partnerin und nahm deshalb im Vorbeifahren die angezeigten Hinweise auf die Sturmgefahr nur oberflächlich zur Kenntnis. Was hatte er da gelesen?, durchzuckte es ihn. Erst als das Wohnmobil die Schilder bereits passiert hatte, wurde ihm bewusst, was da geschrieben stand: gesperrt für Fahrzeuge mit leeren Anhängern und hohen Aufbauten – oder so ähnlich.
    Er war verunsichert. Vor ihm kein rotes Schlusslicht mehr, im Rückspiegel auch keine Scheinwerfer eines nachfolgenden Fahrzeugs. Er blickte fragend seine Partnerin an, die ihn wiederum mit ihren großen blauen Augen anstarrte.
    Kaum hatte er den Blick wieder nach vorn gerichtet, wo die Scheibenwischer trotz schnellster Stufe Mühe hatten, die Sicht freizuhalten, zeichnete sich in der grauweißen Masse vor ihm ein rot-weißer Windsack ab, der, voll aufgebläht und wild waagrecht flatternd, vermutlich bald zerfetzt sein würde. Sander brachte den Wagen vollends zum Stillstand, hielt aber Kupplung

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