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Kurt Ostbahn - Kopfschuss

Kurt Ostbahn - Kopfschuss

Titel: Kurt Ostbahn - Kopfschuss
Autoren: Guenter Broedl
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1. NUEVO LAREDO,
MEXICO

    Ich bin ein Killer. Und zwar der beste dies- und jenseits des Rio Bravo, der bereit war, den Job für zehntausend Dollar zu machen. Eine Okkasion, ein mörderisches Sonderangebot sozusagen, nimmt man zum Vergleich die für das zweite Halbjahr 98 gültige Preisliste von Murder Incorporated zur Hand. Der amerikanische Berufsverband veranschlagt für einen solchen Auftrag mindestens fünfzehntausend. Dazu kommen noch Reisespesen, Tagesdiäten und ein Aufschlag von zwanzig Prozent, weil die Drecksarbeit nicht in den USA, sondern südlich der Grenze, in den mexikanischen Bundesstaaten Nuevo León oder Coahuila erledigt werden soll. So gesehen bin ich ein Halbpreis-Killer.
    Was mich bei der (gewerkschaftlich) organisierten Kollegenschaft wohl aber endgültig disqualifiziert: Ich nehm nur ein Viertel des Honorars als Vorschuss, wo doch in der Branche fünfzig Prozent Akonto zum rauen Ton gehören, und ich versteife mich auch nicht auf harte US-Dollars in kleinen Scheinen. Ich nehme an Bargeld, was die Kundschaft vorrätig hat.
    Heute kurz vor sechs Uhr morgens zum Beispiel, an der Rezeption des Hotel Reno in Nuevo Laredo, drückte mir mein Kontaktmann Alfonso, der Nachtportier, einen mit stark gebrauchten Banknoten aus aller Welt gefüllten Plastikbeutel in die Hand.
    „Zweitausendfünfhundert“, sagte er. Ich sagte nichts, zog nur meine rechte Augenbraue hoch und warf einen zweifelnden Blick in den Sack mit dem Akonto.
    „Más o menos“, beeilte sich Alfonso mit dem Anflug eines entschuldigenden Lächelns hinzuzufügen. „Mehr oder weniger.“
    Da ich den Wechselkurs der slowakischen Krone ebenso wenig im Kopf habe wie den der dänischen, norwegischen oder isländischen, verzichtete ich aufs Nachzählen. Und außerdem ist es doch so: In meinem Job geht gegenseitiges Vertrauen über alles. Das ist, wenn Sie so wollen, wie ein Arzt-Patienten-Verhältnis, mit dem kleinen Unterschied, dass Ihnen der Mediziner Ihres Vertrauens das Leben retten soll, meine Profession hingegen mit aller gebotenen Diskretion dafür Sorge trägt, dass jemand, dem Sie den Tod an den Hals wünschen, prompt vom Sensenmann ereilt wird.
    Ich bin, wie gesagt, ein Killer.
    Und in meinem Handwerk ist es wie bei jedem anderen Handwerk auch: Es gibt solche und solche. Es gibt die guten, soliden Kräfte, auf die stets Verlass ist und die nie Anlass zu Reklamationen geben, deren Arbeit (und auch ihr übriges Leben) jedoch jedwede Spur von Phantasie oder Vision vermissen lassen. Es gibt die Schaumschläger und Hochstapler, die zu völlig überhöhten Preisen wahre Meisterwerke versprechen, um dann mit einem Minimum an Aufwand und Risiko ganz einfach Pfusch abzuliefem. Und dann gibt’s noch eine verschwindend kleine Minderheit, die unbeeindruckt vom Hohn und Gespött der anderen ihren eigenen Weg geht. Allein, unverstanden, aber unbeirrt. Was diese Männer auszeichnet, ist, dass sie ihre Arbeit lieben. Sie lieben die Kunst der Präzision, in der Planung wie in der Durchführung. Sie lieben die Herausforderung, stets uneinholbar schneller, kaltblütiger und phantasievoller als der Gegner sein zu müssen. Sie sind Puma, Adler und Schlange.
    Alfonso, der Nachtportier, wusste spätestens nach Übergabe der bunt sortierten Vorauszahlung, woran er bei dem schweigsamen Gringo war. Er breitete eilig eine Straßenkarte zwischen uns auf das Rezeptionspult und zeigte auf einen großen weißen Fleck zirka hundertfünfzig Kilometer südwestlich von Nuevo Laredo.
    „Tres Cruces“, sagte er.
    Aber es gab kein Tres Cruces auf der Karte. Es gab auch keinen Hinweis auf irgendwelche Straßen, die mich nach Tres Gruces bringen würden. Da war nur dieses Nichts von der Größe seines Daumennagels, das im Osten von der Schnellstraße nach Monterrey begrenzt wurde und im Westen von El Coahuilense, der Eisenbahnlinie, die von Piedras Negras an der texanischen Grenze in zehn Stunden Fahrt durch die Wüste hinauf zu den Hochplateaus der Sierra Madre und der Provinzhauptstadt Saltillo führt.
    „Tres Gruces“, sagte ich, faltete die Karte zusammen und steckte sie in die Brusttasche meiner Jacke.
    Unter den drei Kreuzen, gab mir mein Kontaktmann mit auf den Weg, würde ich alles Weitere erfahren, von seinem Bruder Emilio, dem Besitzer der einzigen posada im Ort, und von dessen Schwager Ernesto, der mit seiner Familie in dem Haus mit dem großen Texaco-Schild neben den ausgebrannten Autowracks lebt. Dann schob er mir die Papiere und Schlüssel für den

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