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Kuess mich, und ich bin verloren

Kuess mich, und ich bin verloren

Titel: Kuess mich, und ich bin verloren
Autoren: Tessa Radley
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1. KAPITEL
    Beim Anblick des Fotos war alles klar.
    Nach der Landung auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen hatte Brand Noble sich eine Zeitung gekauft und war bei der Ankündigung einer feierlichen Ausstellungseröffnung hängen geblieben. Das Foto neben dem Artikel, das Clea neben einer steinernen Tigerskulptur zeigte, ließ seinen Herzschlag kurz aussetzen. Vier lange Jahre hatte er seine Frau nicht gesehen, und nun erschien sie ihm noch schöner als früher. Ihr schwarzes, lockiges Haar war unverändert, ihre großen Augen strahlten noch immer in leuchtendem Grün.
    Nein, so etwas Unwichtiges wie eine fehlende Einladung würde ihn gewiss nicht davon abhalten, sie wiederzusehen. Schließlich hatte er lange genug auf diesen Moment gewartet.
    Zwei Stunden später warf er die Tür des gelb-schwarz karierten Taxis hinter sich zu, das ihn zu Manhattans Museumsmeile kutschiert hatte. Ohne auf das Gewimmel der Passanten zu achten, die in der einsetzenden Dämmerung nach Hause eilten, blickte er angespannt auf das Museum of Ancient Antiquities, das sich vor ihm erhob.
    Irgendwo dort drinnen wartete Clea …
    Ein uniformierter Wachmann, der fast ebenso breit wie groß war, versperrte den Eingang und schaute Brand kritisch an. Da seine Gedanken nur um Clea kreisten, hatte er vergessen, die Jacke seines geliehenen Smokings anzuziehen. Schlaff hing sie ihm noch immer über dem linken Arm.
    Brand verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Was der Mann wohl über die schäbige Kleidung denken würde, die er während der letzten vier Jahre getragen hatte?
    Seine Ungeduld und Vorfreude waren kaum noch auszuhalten. In ihm brannte das Verlangen, Clea endlich wieder in die Arme zu schließen und sie zu küssen.
    Mit schnellem Schritt ging er auf die Glastüren zu und zog sich im Gehen die Smokingjacke über. Er richtete den Kragen und strich über die Satinaufschläge. Während der Sicherheitsmann die Einladungen der Gruppe vor ihm überprüfte, schloss Brand zu den Leuten auf. Erleichtert atmete er auf, als man ihn mit den anderen durchwinkte.
    Die erste Hürde hatte er genommen.
    Jetzt musste er nur noch Clea finden.
    Brand hätte der Tiger gefallen.
    Wie jedes Mal nahm der Anblick der Steinfigur Clea vollkommen gefangen. Das Gemurmel und das Klirren der Champagnergläser um sie herum drangen kaum zu ihr durch, während sie versunken die mächtige Raubkatze betrachtete. Ein sumerischer Künstler hatte sie vor ewigen Zeiten geschaffen. Die Kraft der Figur übte auf Clea eine Faszination aus, die sie niemandem hätte erklären können.
    Brand wäre begeistert davon  – das war ihr erster Gedanke gewesen, als sie den fast lebensgroßen Tiger vor achtzehn Monaten entdeckt hatte. Sie musste ihn einfach haben! Allerdings war es nicht ganz einfach gewesen, Alan Daley, den Chefkurator des Museums, sowie die Ankaufskommission davon zu überzeugen, die teure Skulptur zu erwerben. Doch dann war der Tiger schnell zu einem Publikumsmagneten geworden.
    Für Clea war er untrennbar mit Brand verbunden, täglich erinnerte er sie an ihren Ehemann. Ihren verstorbenen Ehemann.
    „Clea?“
    Die Stimme, die jetzt langsam in ihr Bewusstsein drang, klang weicher als Brands raue Samtstimme. Nicht Brand näherte sich ihr, sondern Harry.
    Brand war tot. Ohne ihm die letzte Ehre zu erweisen, hatte man ihn im Irak in einem Massengrab beigesetzt, mitten in der heißen, trockenen Wüste. All die Jahre der Unsicherheit, der verzweifelten Gebete und der ständig neu aufkeimenden Hoffnung waren vorbei. Vor neun Monaten hatte alles auf höchst schmerzvolle Weise ein Ende gefunden.
    Doch Brand würde sie nie vergessen, hatte Clea sich geschworen.
    Entschlossen kämpfte sie den Anflug von Trauer nieder, der sie zu überwältigen drohte, und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. Dann erst wandte sie sich ihrem ältesten Freund zu, der darüber hinaus ein geschätzter Geschäftspartner ihres Vaters war. „Ja, Harry?“
    Harry Hall-Lewis legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute sie an. „Ja? Auf genau dieses Wort warte ich nun schon so lange von dir!“
    Bei seinem scherzhaften Tonfall verdrehte Clea die Augen. Wenn er doch nicht immer auf die Heiratspläne anspielen würde, die ihre Väter vor zwanzig Jahren für sie geschmiedet hatten. „Bitte nicht jetzt, Harry.“ Das Klingeln ihres Handys kam ihr gerade recht.
    Erleichtert fischte sie den Apparat aus ihrer Clutch und schaute auf das Display. „Es ist Vater.“
    Als Vorsitzender des Museumsbeirats

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