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Kühlfach betreten verboten

Kühlfach betreten verboten

Titel: Kühlfach betreten verboten
Autoren: Jutta Profijt
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EINS
    Dienstag, 19   Uhr 43
    Der Kangoo klebte an dem Brückenpfeiler wie ein Furunkel an der Sitzritze, aber der Fahrersitz war leer. Das war erstaunlich, denn die Faltschachtel sah nicht gut aus. Okay, so ein rollender Schuhkarton sah nie gut aus, aber was ich damit meine, dürfte klar sein: Die Karre war Schrott und der Fahrer hätte eigentlich schlaff im Gurt hängen sollen. Mindestens mit Schleuderhirn, vielleicht sogar einem Knick im Genick. Das käme auf die Geschwindigkeit an, mit der die Karre an den Pfosten gerauscht war. Aber nein, keine Spur vom Pfeilerküsser, nur die vier Beifahrer hingen in ihren Gurten. Und dann haute es mir die Füße weg   – virtuell, natürlich: die vier leblosen Gestalten waren Kinder.
     
    Innerhalb kürzester Zeit kamen die Bullen, die Sanis und   – die Schaulustigen. Diese Glotzgeier finden jeden Unfallort, obwohl dieser hier wirklich ein Geheimtipp war, ebenso wie der unbeleuchtete, aber immerhin grob asphaltierte Weg an der stillgelegten Bahnstrecke entlang, von dem der Kangoo abgekommen war. Für Insider war das eine beliebte Abkürzung, wenn man mehrere große Kreuzungen mit mehreren Ampeln umgehen wollte.
    An diesem nasskalten Abend Ende November war esschon nach sieben und der Autoverkehr daher eher sporadisch. Dafür gab es etliche Hundebesitzer, die nach Feierabend mit ihren Viechern über die Brücke dackelten, weil auf der südlichen Seite ein winziger Park die Funktion des örtlichen Hundeklos übernimmt. Die Brücke füllte sich also mit Gaffern. Immer, wenn es um Kinder geht, sind alle besonders angespannt, daher ging der Zoff gleich los.
    »Verzieh dich, du krankes Arschloch!«, rief einer der Sanis einem besonders interessierten Sensationsspion zu, der mit seinem Touchscreendildo die Rettungsarbeiten filmte. Der Sani würde sich sicher noch am selben Abend auf YouTube bewundern können.
    Mehr Bullen wurden angefordert, »um die Spanner auf Abstand zu halten«, wie der Uniformierte in sein Funkgerät brüllte. So laut, dass die Spanner es mithören mussten, wenn sie nicht völlig horchtot waren. Sie rührten sich trotzdem nicht vom Fleck.
    Zwei weitere Blaulichtschaukeln kamen, die Streifenhörnchen stiegen aus, zwei schnappten sich eine Rolle Flatterband, um die Unfallstelle abzusperren, zwei stiegen die Treppe zur Brücke hoch.
    »Ihre Ausweise, bitte«, sagte der Größere zu den Zuschauern, die sich lässig ans Geländer gelehnt hatten, um nur ja nichts zu verpassen.
    »Was soll das?«, fragte der Dokumentarfilmer.
    »Sie haben sicher alle etwas gesehen, das Sie uns mitteilen möchten, sonst gäbe es ja für Sie keine Notwenigkeit mehr, hier zu warten. Und die Namen von Zeugen werden selbstverständlich erfasst.«
    Einige verpissten sich, andere, wie der Filmer, blieben und begannen eine Diskussion über Bürgerrechte und polizeiliche Willkür mit den Ordnungshütern. Ich wandte meine Aufmerksamkeit von den Hyänen ab und schaute nach den vier Unfallopfern.
    Die Sanis hatten sie inzwischen aus dem Kangoo geholt und auf den Boden gelegt. Die Bonsais waren erschreckend still. Ich näherte mich vorsichtig.
    Und dann hörte ich sie.
     
    Bevor ich weiter berichte, muss ich diejenigen, die mich noch nicht kennen, mal schnell auf die Spur setzen. Mein Name ist Pascha, mein fünfundzwanzigster Geburtstag liegt ein paar Monate zurück, aber da war ich schon tot. Im Februar dieses gerade auf sein Ende zuschlitternden Jahres wurde ich ermordet. Meine Seele verließ den Körper, fand aber den Tunnel mit dem Licht nicht und hängt seitdem als Geistwesen hier auf der Erde herum. Es gibt einen einzigen Menschen, zu dem ich Kontakt aufnehmen kann, und das ist Herr Doktor med. Martin Gänsewein, gelernter und praktizierender Rechtsmediziner, und genau derjenige, der mich anlässlich meiner Obduktion vom Hals bis zum Sack aufschlitzte. Seitdem sind wir so eine Art Freunde. Von beiden Seiten eher unfreiwillig, aber von meiner Seite mangels Alternativen galaktisch loyal.
    Andere Seelen kann ich hören und mich mit ihnen unterhalten   – sofern sie die Freundlichkeit besitzen, auf meiner Ebene eine Zwischenstation einzulegen. Was sie selten tun. Die meisten Seelchen verlassen im Augenblick des Todes den Körper und rasen auf direktem Weg und ohne Umweg »ins Licht«. Eine kleine, dicke Nonne namens Marlene hatte mir im Frühjahr einige Zeit Gesellschaft geleistet, ansonsten war ich seit meinem Tod allein. Da das Alleinsein auf dieser Existenzebene genauso doof ist wie

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